27.07.2010 0

Immobilien: Aus dem ligurischen Bauarbeiter-Lexikon – eine Glosse

Was lange währt …

Julia Keuthen (26) erzählt die lange, nicht ganz wörtlich zu nehmende Geschichte eines Pool-Baus in Ligurien. Die Autorin wurde in Deutschland geboren und kam als Kleinkind ins ligurische Dolcedo, wo sie aufwuchs.

Baustelle
Bauen an der ligurischen Küste ist «nessun problema». Fast.

Als meine Eltern vor 25 Jahren beschlossen, der Großstadt den Rücken zu kehren und in die «ligurische Pampa» (besser unter dem Begriff «entroterra» bekannt) zu ziehen, tauschten sie Lärm und Leute gegen Einsamkeit und Stille ein. Theoretisch zumindest.

Praktisch beschlossen sie zu bauen. Bauen sie noch oder wohnen sie schon? Denn wer nur baut und noch nicht wohnt, braucht viel Ge(du)ld. Wer schon wohnt, hatte viel Ge(du)ld. Wer noch baut und schon wohnt, hatte viel Ge(du)ld, aber braucht sie auch weiterhin.

Abgesehen von angeblichen kleinen Wehwehchen, die am Haus repariert werden mussten, die «nessun problema» darstellten und «nur» ein paar Jahre dauerten, entschieden wir vor zehn Jahren, einen Pool zu bauen – beziehungsweise bauen zu lassen (hätten wir ihn selber gebaut, wäre es vielleicht schneller gegangen). Augenblicklich sah ich mich mit einer Illustrierten in der Sonne am Pool liegen.

Aber das Einzige, was wir zunächst sahen, war nichts und niemanden. Dann lernten wir langsam das Bauarbeiterlexikon: «nessun problema» heißt, wir haben ein Problem. «Domani» ist nicht morgen, sondern irgendein Tag in der nächsten Zeit. «Finito» heißt nicht fertig, sondern «ich glaube, wir sind zwar fertig, aber ziemlich sicher müssen wir nochmal etwas machen». «Piove» heißt nicht es regnet, sondern «wir haben frei» und «pausa» heißt, «könnten Sie uns einen Kaffee kochen?» oder auch, und das ist etwas schwierig einzuschätzen, «wir kommen erstmal nicht, weil wir noch auf einer anderen Baustelle sind, und wenn auf dieser alles fertig ist, müssen wir noch ein Haus zu Ende machen, weil derjenige, der es vor Jahren in Auftrag gegeben hat, endlich wieder liquide ist» ...

Gut, all das muss man erstmal wissen. Und, ganz wichtig, der Monat, in dem alles fertig sein soll, bezieht sich nicht unbedingt auf das laufende Jahr ...

Nach fünf langen Jahren Baustelle unter meinem Fenster war unser Pool endlich «finito», aber noch lange nicht fertig. Dafür war die Familie fix und finita, die Poolfirma war finita, sprich pleite, der Kaffee war finito wie auch die Handykarte und das Geld.

Und der Traum vom Pool war immer mehr finito. Dann endlich, nach zehn langen Jahren, hörten wir ihn zum ersten Mal nicht mehr, diesen schrecklichen Satz, der jede Hoffnung dahinschmelzen lässt, dass nun irgendwann alles fertig sei.

Da wussten wir, etwas ist anders. Und so war es. Am nächsten Tag, nach zehn Jahren, war er fertig. Unser Pool. Ganz echt und wirklich, so wie wir ihn uns vorgestellt hatten (und Zeit, ihn uns vorzustellen, hatten wir ja reichlich).  

Man braucht halt nur «etwas» Ge(du)ld, denn Bauen an der ligurischen Küste ist nun mal «nessun problema»!

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