08.02.2012 0

Ligurien: Die merkwürdige Personalpolitik der Costa-Kreuzfahrten

Traumjob an Bord?

Daniele R. (23) sitzt mit gleichaltrigen Freunden gebannt vor dem Fernseher. Die Reporter berichten live von der Insel Giglio, wo das am 13. Januar auf einen Felsen aufgelaufene Kreuzfahrtschiff Costa Concordia auf der Seite liegt und bei zunehmend schwerer werdender See endgültig unterzugehen droht. Die jungen Leute aus Genua beobachten vielleicht den Untergang ihrer Träume. Nein, nicht als Passagiere an Bord eines Traumschiffs, sondern als Personal bei Costa.

Costa Kreuzfahrten
Für viele junge Italiener ein Traumjob: Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff

Costa ist für die Italiener ein Flaggschiff, besetzt mit nationalem Stolz, so etwas wie Lufthansa für die Deutschen. Und für die Genuesen so etwas wie Krupp für die Leute aus dem Ruhrgebiet. Der Kreuzfahrtgigant, der auf die Nachfahren der Familie Costa, eine der berühm-testen und noch heute einflussreichsten Familien der ligurischen Hauptstadt zurückgeht, zählt 24 000 Beschäftigte.

Für Costa zu arbeiten, steht bei Abiturienten der ligurischen Tourismusfachschulen oder Absolventen des Istituto Nautico (technische Oberschule mit Nautikausbildung) an erster Stelle. Das Unternehmen kann sich vor Anfragen kaum retten.

«Zweimal bin ich von der Zeitarbeitsfirma Adecco zu einem Vorstellungsgespräch bei Costa eingeladen worden», erzählt Daniele. 2010 war eine Position als Koordinator der Reservierungen aus Deutschland in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Reservierungszentrale in Rostock ausgeschrieben. Für den perfekt zweisprachigen jungen Mann mit deutscher Mutter, der trotz seines jugendlichen Alters schon einen eindrucksvollen Lebenslauf im Bereich des Hotelwesens vorweisen konnte, kein Problem.

Nach einem positiv verlaufenen Psychotest und einem weiteren Personalgespräch das übliche «Wir werden uns melden.» Costa meldet sich tatsächlich sechs Monate später. Unter Berufung auf das positiv verlaufene Vorstellungsgespräch wird Daniele ins Hauptquartier in der Via De Marini am Hafen beordert. Er ist hoffnungsvoll. Das Angebot: auf reiner Provisionsbasis Kreuzfahrten am Telefon verkaufen.

Im Oktober 2011 eine erneute Kontaktaufnahme durch die Zeitarbeitsfirma, wieder für die Reservierungs-koordination mit Deutschland. Erneutes Vorstellungsgespräch, diesmal sogar auch auf Englisch und Deutsch, und das übliche «Wir werden uns melden».

Daniele wartet noch heute. Seine Mutter (50+), mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Tourismuskommunikation, meldete sich spaßeshalber für dieselbe Position bei Adecco. Kommentar der Zeitarbeitsfirma: «Ihr Lebenslauf ist ok, aber Costa bevorzugt junges Personal mit zeitlich befristeten 6-Monatsverträgen, um flexibel zu bleiben.» «Flexibel, das musste ich auch sein», schaltet sich Danieles ehemalige Klassenkameradin Karen F. (24) ein, die als Hostess sechs Monate auf einem Costa-Kreuzschiff gearbeitet hat.

Sechs Monate an Bord, ungeregelte Arbeitszeiten, die weit über die gesetzlich festgelegten gingen, kaum Freizeit.
Aber in der Hoffnung auf eine Verlängerung nehmen viele ja alles auf sich, sagt Karen. Sie persönlich hatte nach sechs Monaten die Nase voll vom Duft der großen weiten Welt.

Für Notfälle unvorbereitet

Ihre Gedanken schweifenzu dem jungen, für Notfälle unvorbereiteten Bordpersonal, das in der Unglücksnacht unter Einsatz seines eigenen Lebens das vieler anderer gerettet hat, während Kapitän und erster Offizier schon in den Rettungsbooten saßen. Aber sie denkt auch an eine Kollegin, die sie damals kennen gelernt hatte: Monica von den Philippinen, die bei täglich zwölf Stunden Arbeit an Bord als Reinigungskraft 567 Euro pro Monat verdiente.

Auf www.costacrociere.it kann man auf dem Menüpunkt Ausbildung (Corsi di formazione) die aktuellen Ausbildungsangebote aufrufen. Angeboten wird derzeit ein Kurs für Gäste-Service und Kochlehrlinge an Bord.
Costas Personalpolitik war jedoch kein Thema bei der ersten Pressekonferenz, die unter Vorsitz von Costa-Präsident und Generalmanager Pierluigi Foschi erst drei Tage nach der Havarie in Genua abgehalten wurde. Dort ging es nur darum, sich von den Unzulänglichkeiten des Kapitäns Francesco Schettino zu distanzieren.


J. Tschiesche

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