01.08.2009 0

Kolumne: So seh ich' s von meiner Terrasse im 26. Stock

Der Ballettmeister vorm Gericht

Beim Schreiben meiner RCZ-Beiträge auf der Terrasse dieses Hochhauses kommt es vor, dass der Blick sich hinterm Horizont in nebensächlichen Erinnerungen verliert. Auslöser diesmal: im Bericht über das «Ballet Russe» der Name Serge Lifar. Ja, ich bin ihm begegnet, dem legendären Tänzer, Choreografen und Diaghilew-Epigonen, der auch mal Ballettmeister in Monaco war. Nein, es war keine Ballett-Aufführung. Es war vor Gericht. Da sah ich ihn tanzen. Vor Zorn …

Ältere Leser werden sich mit mir an die «Anastasia»-Prozesse erinnern, die in den 1950er- und 60er-Jahren die Illustrierten füllten (und als Film die Kinos): Eine Anastasia Anderson behauptete, als jüngste Zaren-Tochter sei sie der Ermordung der Zaren-Familie 1918 entkommen. Es ging in den Prozessen um das Erbe des Zaren-Vermögens, das auch die Herzogin von Mecklenburg beanspruchte.

Als junger Reporter erlebte ich die Vernehmung von unzähligen Für- und Wider-Zeugen. Serge Lifar war einer von ihnen. Wohl, weil er als Wunderkind mit Anastasia Ballettstunden gehabt hätte.

Zum Prozess war er über Nacht von Paris angereist, vom Bahnhof zum Gerichtssaal geeilt, unrasiert, unfrisiert, übernächtigt, in zerknittertem Anzug. Der offenbar kaum kunstbeflissene Richter, bar jeglicher Kenntnis vom «Ballet Russe», notierte als Beruf des Zeugen Lifar «Tänzer», was bei ihm wie «Penner» klang, verkündete dann eine Verwarnung wegen «unordentlichen Auftretens, nicht angemessen der Würde des Gerichts».

Woraufhin Serge Lifar mit frustriert himmelwärts gestreckten Händen wortlos wütend im Zeugenstand eine dreifache Pirouette drehte, die bis dahin noch in keiner Choreografie exekutiert worden war.

Ja, doch – auch ich habe den legendären Serge Lifar tanzen gesehen …

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