01.07.2009 0

Kolumne: So seh ich' s von meiner Terrasse im 26. Stock

Falsche Fernseh-Fakten

Da der Turmschreiber seit dreieinhalb Jahr-zehnten auf Monaco schaut, aber oft auch in die Tiefen von Archiven taucht, traut er sich eine Meinung zu, wenn im Fernsehen das Fürstentum aufscheint. Wie zum Beispiel letztens im Juni in Guido Knopps «History»-Serie «Die Fürsten». Oh je! Da trat ein Publizist namens Abramovicz auf, der früher schon in französischen Medien mit Monaco-Anschwärzungen aufgefallen ist. Er behauptete, im Krieg habe Monaco (also Fürst Louis II.) fünfzig Juden an die SS «ausgeliefert», die in Auschwitz ermordet wurden. Die Fakten sehen anders aus.

Im Zweiten Weltkrieg war das souveräne Monaco neutral und daher Fluchtetappe für hunderte Juden. Die meisten fanden Unterkunft bei monegassischen Familien. Als der SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, der schon Wien «judenfrei» gemacht hatte, in Monaco eintraf, um «1500 Juden einzukassieren», traf er auf diplomatisch-listigen Widerstand.

Der deutsche Botschafter Hellenthal, sein Militärattaché General von Kohlermann und Fürst Louis bremsten ihn diplomatisch-pfiffig aus: Im neutralen Monaco dürfe er nicht eigenmächtig vorgehen.

Ein Zusammenwirken mit Monacos Polizei sei un-umgänglich. Die List gelang: Nach der gemeinsamen Einsatzbesprechung hatten dann die Monaco-Polizisten nichts Eiligeres zu tun als so viele Juden zu warnen, wie sie nur erreichen konnten.

So blieben alle italienischen, französischen und auch deutschen Juden, die Familienanschluss gefunden hatten, unbehelligt (wie die Malerin Leonor Fini, die beim italienischen Botschafter lebte).

Gefangen wurden «nur» etwa achtzig Opfer – nach der mir vorliegenden Liste allesamt Menschen aus östlichen Ländern, die offenbar wegen Sprachschwierigkeiten keinen Unterschlupf gefunden hatten.

Schlimm genug. Aber dies unreflektiert «Auslieferung» zu nennen, ist krasse Geschichtsklitterung.

Sei’s drum. So haben wir immerhin mal hinter die Machart der ZDF-«History»-Serie geschaut.

Share |

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Copyright Mediterraneum Editions sarl. Teilen Sie unsere Artikel gerne mit Freunden und Bekannten, aber bitte nutzen Sie dazu ausschließlich die oben stehenden "Share-Werkzeuge". Bitte schneiden Sie keine Artikel von rczeitung.com aus, um sie im Web oder in Blogs weiterzuverwerten.

Kommentare

Bitte loggen Sie sich ein um einen Kommentar zu diesem Artikel zu hinterlassen.