01.05.2009 0

Kolumne: So seh ich' s von meiner Terrasse im 26. Stock

Flucht aus dem Paradies

Auch nächtens blicke ich gern von meinem Turm über Monte-Carlo, das Böswillige gern ein Steuerflüchtlings-Paradies nennen. Da sehe ich dann in niedrigeren Türmen manches Fenster, das Abend für Abend unbeleuchtet bleibt. Und frage: Ist da eingetreten, was die «Frankfurter Allgemeine» verkündete: «Monaco vertreibt die letzten Steuerflüchtlinge»? Papperlapapp. Oder auf Neudeutsch: Bullshit.

Was wirklich manchen zur Flucht aus dem Paradies treibt, scheint Schmerzvolleres zu sein. Das erfuhr ich, als mein treuer Briefträger Gérard Mangion, der mir seit 35 Jahren meine Post zum Turm bringt, den Brief eines guten Freundes und Nachbarn überbrachte. Einen Abschiedsbrief.

Seit siebzehn Jahren Resident in Monaco, verlegt der Süddeutsche nun seinen Wohnsitz nach Österreich. Keineswegs, weil Europas Finanzminister unser Fürstentum auf eine «Graue Liste» setzen.

Sondern: «Weil mein Vermieter die Miete über Nacht um 22 Prozent erhöht hat», schreibt er. Das, so findet er offenbar, sei mehr als Abzocke. Das sei eine Beleidigung, weil man ihn wohl für ein hirnloses Rindvieh hält, das man nach Belieben melken kann.

Mein Freund vergisst auch nicht den Hinweis, dass dergleichen Vermieterpolitik – durchaus kein Einzelfall – insgesamt wirtschaftliche Folgen fürs Fürstentum birgt. Trägt er doch allein schon Jahr um Jahr, so schätze ich mal, gute hunderttausend Euro zu Restaurants, Handwerkern, Feinkostläden und Boutiquen. Mindestens. Nun aber nicht mehr.

Da etliche andere, die sich von Vermietern nicht minder arg gebeutelt fühlen, es ihm gleich tun werden, drängt sich hier eine beklemmende Hochrechnung auf.

Nein, verehrte Kollegen von der «FAZ», nicht «seine letzten Steuerflüchtlinge» vertreibt Monaco. Sondern seine letzten Mieter.

Diese Nacht sah ich von meinem Turm herab ein weiteres Fenster, das dunkel blieb …

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