01.10.2009 0

Kolumne: So seh ich’s von meiner Terrasse im 26. Stock

Von Monte-Carlo zum Ural

In den letzten Wochen konnte ich von meiner Terrasse aus erleben, wie sich ein nostalgischer Zug alter Weltkriegs-Jeeps von Beausoleil nach Monaco hinein bewegte. Anlass war die Befreiung durch die US-Invasion vor 65 Jahren. Auch an den Küstenorten wurde gefeiert, in Dörfern hinter den Meeralpen-Bergen, zu denen mein Blick hinaufgeht, setzt sich das Gedenken noch fort. Der Rückzug der deutschen Truppen verlief unter harten Kämpfen, wochenlang, von Berg zu Berg, kostete viele Tote, auch unter Zivilisten (das alte Castillon wurde total zerstört).

Wie der Zufall spielt, erreicht mich gerade in diesen Tagen die – verspätete – Todesnachricht eines alten Bekannten. Professor Dr. Wolfgang Hellenthal, Sohn jenes deutschen Botschafters in Monaco, der in den Kriegsjahren mithalf, viele ins neutrale Monaco geflüchtete Juden vor dem Zugriff der SS zu bewahren (ich berichtete schon einmal darüber).

Hellenthal junior erlebte, bis er 19 wurde, Monaco im Krieg: «Tanz auf dem Vulkan, rauschende Gala auf der ‚Titanic’, denn das Casino funktionierte ungerührt weiter», so beschrieb er es mir – ich verdanke ihm viele Informationen aus jener Zeit.

Als die Familie nach der Befreiung Monacos mit rückflutenden deutschen Truppen flüchtete, wurde er zur Wehrmacht eingezogen, geriet als Offiziersschüler in russische Gefangenschaft, schuftete drei Jahre in einem Bergwerk im Ural, kehrte mit gebrochenen Beinen, auf Krücken, heim nach Deutschland.

Einige Zeit konnte er ein Taschenmesser verstecken, dass der Vater ihm noch zu seinem letzten Geburtstag in Monaco geschenkt hatte. Und einen Ausweis mit dem Vermerk «Wohnort: Monte-Carlo» …

Ich finde, auch solch eine Geschichte passt ins Nachdenken über jene schreckliche Zeit, die man sich heute, von einer hohen Terrasse über Monaco blickend, kaum noch vorstellen kann.

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