13.06.2011 0
Kunst & Kultur: RCZ-Interview mit Andreas Dresen. Sein todtrauriger Film bekam einen Hauptpreis in Cannes
... und plötzlich ist Schluss
Nach der ersten Vorstellung an der Croisette kamen zahlreiche Menschen aus dem Publikum auf Sie zu. Was haben sie Ihnen gesagt?
Ich habe noch nie so viele weinende Menschen im Arm gehabt – fremde Menschen. Da war zum Beispiel eine Frau, die ich nicht kannte, völlig tränenüberströmt. Ich sagte ihr: «Das tut mir total Leid, ich wollte niemanden unglücklich machen!» Aber sie entgegnete: «Nein, es ist alles gut», und dann ging sie weg. Manchmal muss man Schmerz einfach rauslassen.
Warum haben Sie einen Film übers Sterben gemacht?
Das war eine sehr persönliche Angelegehenheit, obwohl ich diese Geschichte in dieser Form überhaupt nicht erlebt habe. Mein Vater ist vor zehn Jahren zwar auch an einem Hirntumor verstorben, aber das lief völlig anders ab und ging viel schneller. Also – man wird ja älter, die Einschläge kommen näher. Man fängt an, über solche Dinge nachzudenken. Und in meinem Freundeskreis – die Handvoll Leute, mit denen der Film entstanden ist – gab es verschiedene Todesfälle, Eltern sind gestorben, Freunde. Das Thema war plötzlich so gegenwärtig. Ich selbst hatte einen ganz persönlichen Schmerz, weil meine Beziehung zerbrochen war. So war auf einmal eine Grundstimmung zwischen uns allen, die von Verlust und Einsamkeit handelte. Da fängt man dann an zu reden. Natürlich kamen wir auch aufs Filmemachen, weil das unser Beruf ist, und dabei fiel uns auf, dass das, was wirklich das Ende des Lebens bedeutet, relativ selten vorkommt. Obwohl im Kino so häufig gestorben wird.
Sie hatten kein Drehbuch – wie ist ihr Film entstanden?
Zusammen mit der Dramaturgin Cooky Ziesche war ich losgezogen, um mich mit Menschen zu unterhalten, in Hospizen, mit Ärzten, mit Leuten, die gerade ihre Verwandten verloren hatten. Das waren teils erschütternde Gespräche. Aber auch ganz lustige Geschichten! Das ist so eine Mischung bei diesem Thema, denn es wird eben immer noch weiter gelebt, auch wenn jemand ganz schlimm krank ist. Wir hatten also ganz viel Material, aus dem ein Szenenfahrplan entstanden ist. Am Drehort haben wir dann improvisiert. Das gesamte medizinische Personal ist authentisch, es sind Leute, die tatsächlich in diesen Berufen arbeiten. Die Szenen, sämtliche Dialoge sind vor laufender Kamera entstanden. Es waren insgesamt sehr wenig Leute beteiligt, und wenn wir zusammen beim Essen um den Tisch saßen, wie eine italienische Familie, haben wir uns vieles gemeinsam ausgedacht.
Wie war die Stimmung am Set?
Auch wenn man es vielleicht kaum glaubt: Es war teilweise sogar lustig. Es ist wohl generell so: Wenn man Komödien dreht, ist die Stimmung ziemlich ernst und konzentriert am Set. Hier war es natürlich beim Drehen auch sehr ernst, aber in den Pausen dafür lustig. Man befreit sich dann. Vor allem zum Schluss hin wurde es immer leichter, obwohl die Geschichte drastischer wird. Für mich war die schwerste Phase die der Recherche. Das war teilweise kaum noch auszuhalten, weil ich diese Geschichten nicht mehr wegbekam. Letzten Juli rief dann Cooky an, die Dramaturgin, und fragte: «Wollen wir nicht aufhören? Das tut uns irgendwie nicht gut.» Dann waren wir aber schon so weit, wir hatten so viel gutes Material, und so viele Leute haben uns vertraut – wenn wir jetzt abgebrochen hätten, wäre es gemein ihnen gegenüber gewesen.
Der Filmsohn fragt den Vater an einer Stelle, ob es wahr sei, dass dieser stirbt. Nach einer bedrückenden Pause setzt er nach: «Darf ich dann dein i-Phone haben?» Viele ähnliche Szenen, in denen der Zuschauer unwillkürlich lachen muss, ziehen sich durch den ansonsten todtraurigen Film. Wie passen Drama und Komik hier zusammen?
Wenn man dieses Thema behandelt, liegt die Sentimentalität so gefährlich auf der Wegstrecke, weil es eben von Abschiednehmen, von Verlust handelt und jeden betrifft, da geht es um Urängste. Da dachten wir, es könnte hilfreich sein, sentimentale Stellen schnell zu kippen.
Wie kamen Sie auf die Idee, das i-Phone als Erzählmedium einzusetzen?
Wir wollten absurde, merkwürdige Elemente in den Film kriegen. In der zweiten Hälfte sollte der Film ein bisschen skurriler, abstruser werden, sollte man immer mehr in das Seelenleben der Figur abtauchen. Wir würden im Laufe des Films unsere Hauptfigur verlieren, am Ende würde Frank nur noch im Bett liegen und nicht mehr sprechen können. Um ihn aber lebendig zu halten, hatten wir die Idee mit dem i-Phone. Auch wenn er ab einem bestimmten Punkt rein praktisch nichts mehr selber aufnehmen kann, eigentlich. Die i-Phone-Takes sind also irgendwann gar nicht mehr realistisch, sondern so, als ob man in die Seele des Kranken schaut.
Wollen Sie mit Ihrem Film dem Tod ein wenig den Schrecken nehmen?
Meine Erfahrung aus der Recherche ist, dass viele Leute, die so schwer krank werden, in die Isolation geraten. Dass die Leute sich abwenden, einfach aus Hilflosigkeit. Noch vor 100 Jahren haben Großeltern, Eltern und Kinder unter einem Dach gelebt, und wenn der Großvater starb, dann waren alle dabei. Man hatte die Chance, Tod als etwas zu begreifen, was den Lebensweg abschließt. Wir haben uns heute angewöhnt, die Leute wegzuschieben, es gibt eine regelrechte Sterbeindustrie.
Dadurch bekommt der Tod etwas immer Anonymeres, und der Schrecken wird größer. Für uns war es interessant zu zeigen, wie diese Familie versucht damit umzugehen. Sie geben den Vater ja nicht weg, obwohl es teilweise sehr, sehr schwer wird. Aber sie bekommen dafür ein ganz großes Geschenk zurück: nämlich am Schluss einen Moment zu erleben, der friedlich ist, der glücklich ist. Der Film endet ja nicht negativ. Der Schluss des Films führt auch ins Leben zurück.
Warum lief Ihr Film erneut in der Nebenreihe Un certain regard und nicht im Hauptwettbewerb?
Das müssen Sie beim Festival erfragen. Ich wäre natürlich gerne im Hauptwettbewerb gewesen, ganz klar. Aber auf der anderen Seite war es auch eine große Überraschung. Der Film ist ja noch im Januar gedreht worden, und ich hatte keineswegs die Idee, damit nach Cannes zu gehen. Dann kam aber das Festival auf uns zu. Die sind sehr treu gegenüber den Leuten, die einmal hier waren. Und es lief vor drei Jahren ja sehr gut bei «Wolke 9» (der Film erhielt den Zuschauerpreis «Coup de coeur»; Anm. d. Red.).
Sie haben also im Februar gefragt, ob der neue Film fertig werden würde. Wir sollten bis zum 10. April einen Rohschnitt vorlegen. Ich hatte 80 Stunden Material … Wir haben dann am 9. April eine DVD nach Paris geschickt, und am 13. kam die Einladung. Da sind wir echt vom Stuhl gefallen. Und dann mussten wir eine Nacht drüber schlafen und überlegen, ob wir in drei Wochen so einen komplexen Film fertigmachen könnten. Aber man schlägt ja keine Einladung aus Cannes aus!
Und Un certain regard ist eine sehr ehrenwerte Reihe. Als ich sah, was da alles für Filme laufen ... von Regisseuren wie Gus van Sant, Bruno Dumont und Kim Ki-Duk – das sind Regisseure, die ich über die Maßen schätze. Ich fühl’ mich da also in sehr guter Gesellschaft und sehr geehrt. Insofern: alles prima.
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