10.02.2012 0

Kunst & Kultur: Roter Teppich von Berlin ausgerollt - Croisette und Lido wichtiger?

Berlinale-Chef Kosslick: „Cannes ist nun mal die Nummer eins“

Ein Hauch von Hollywood weht seit gestern Abend wieder über der deutschen Hauptstadt - allerdings ein bei minus sechs Grad recht frostiger. „Aber irgendwie müssen wir uns ja von den Festivals im Süden unterscheiden“, spielte ein strahlender Berlinale-Chef Dieter Kosslick auf Cannes und Venedig an. Dann wurde das mit 300 000 verkauften Eintrittskarten größte Publikumsfestival der Welt offiziell eröffnet. Auf dem Roten Teppich erschienen festlich gewandet Angelina Jolie und Brad Pitt, die eine Woche in Berlin bleiben, Juliette Binoche, Diane Krüger und einige andere Weltstars. Shahrukh Khan sagte sich für Samstag an.

Filmfestspiele Cannes
Pedro Almodovar und Penelope Cruz auf dem roten Teppich bei den letzten Filmfestspielen in Cannes. Foto: Rolf Liffers

Cannes und Venedig - das hatte Kosslick in den letzten Tagen oft genug zu hören bekommen. Jedenfalls sah er sich x-mal mit der bohrenden Frage nach der andauernden Vorherrschaft von Croisette und Lido konfrontiert. Der 63-jährige Schwabe, dessen Vertrag erst kürzlich bis 2016 verlängert worden war, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen. „Man muss einfach mal akzeptieren, dass Cannes die Nummer eins ist.“

Anderseits: „Welches Festival sonst könnte wie die Berlinale für sich in Anspruch nehmen, dass von seinen 20 Filmen 17 als großartig bezeichnet werden müssten?“ Von den Aufführungen der letzten Berlinale sind laut Kosslick sechs Filme für einen Oscar nominiert. Nach seiner Überzeugung habe sich die keineswegs mehr biedere Berlinale zum „neben Cannes wichtigstes Filmfestival der Welt“ entwickelt.

Über Journalisten-Fragen nach geplanten Innovationen zeigte sich Kosslick verwundert: Keine Neuerung kann darüber hinwegtäuschen, dass es höchstens noch 20 Regisseure gibt die - wie Pedro Almodóvar, Lars von Trier, Ken Loach oder Michael Haneke - ein Kino machen, das Publikum und Kritikern gleichermaßen gefällt.“ Und dass die alle nach Cannes gingen, sei doch in Ordnung. „Ich gehe auch gern nach Cannes,“ gestand Kosslick. „Man darf nur nicht übersehen, dass in Frankreich die meisten Filmfirmen für die internationalen Koproduktionen im sogenannten Arthaus-Sektor sitzen, zu dem das Kino der Stammgäste von Cannes gehört.“ Und in den Koproduktionsverträgen stünde oft der 1. Mai als Ablieferungstermin. „Diese Filme werden für Cannes und für den Mai gemacht. Wir sind ein anderes Festival“. Trotzdem gibt es auch bei uns große Regisseure und Regie-Entdeckungen.“

Kosslick staunt immer wieder, dass so viele Kritiker immer nur übel gelaunt auf das Cannes-Programm verweisen. „Wir müssen in Berlin aber etwas anderes machen. Deshalb haben wir zum Beispiel den World Cinema Fund gegründet, der in anderen Ländern Filme unterstützt, damit Deutschland stärker in diese internationalen Produktionsprozesse einbezogen wird.“

Auch die Kritik, nicht politisch genug zu sein, wies Kosslick zurück. „Vor fünf Jahren haben sich unsere Filme mit der Globalisierung beschäftigt, in diesem Jahr geht es um deren Folgen.“ Allein unter den Dokumentarfilmen seien mehrere zum Thema Arabischer Frühling. „Jedenfalls bemühen wir uns, ein immer radikaleres Programm zu machen.“

Der Eröffnungsfilm - das französische Revolutionsdrama „Les Adieux à la Reine“ mit Diane Kruger - schildert die letzten 48 Stunden vor einem Weltumsturz, vor der Guillotinierung von Marie Antoinette. „Ein Kostümfilm mit spannenden Vorgängen in einer Umbruchsituation“, wie Kosslick in einem Radio-Interview (dradio) erklärte. Diese 48 Stunden hätten bei Mubarak - dessen erzwungener Rücktritt sich während der zehntägigen 62. Berlinale jährt - vielleicht ähnlich ausgesehen. „Jedenfalls ziehen sich solche Fragen sehr durch das Programm.“

Am wichtigsten ist es dem seit zehn Jahren erfolgreichen Festivalchef aber, wieder möglichst viele Menschen in die Filmtheater zu locken. „Allen technischen Neuerungen zum Trotz ist für den begeisterten Cineasten das Kino als Erlebnisort unerreicht: „Nader und Simin - eine Trennung“ des persischen Regisseurs Asghar Farhadi, Berlinale-Sieger des vorigen Jahres, haben in Frankreich eine Millionen Menschen ins Kino gezogen - in Deutschland nur 150 000. „Weil Frankreich im Gegensatz zu Deutschland eine Filmnation ist, mit einer cineastischen Tradition, weil Kino in Frankreich eine ganz andere bürgerliche Normalität darstellt: Man geht ins Kino, und beim anschließenden Essen redet man darüber“, kommentierte Kosslick die Zahlen. In Frankreich sei Kino Teil einer Diskurskultur. Außerdem haben wir unsere besten Regisseure in den dreißiger Jahren ja umgebracht oder ins KZ gesteckt“.

Er habe zwar noch nie davon geträumt, Direktor der Filmfestspiele Cannes zu sein, versicherte Kosslick in der „Zeit“. „Aber meine Mutter hat mal geträumt,dass ich beides mache.“

 Rolf Liffers

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