23.07.2011 0
Kunst & Kultur: Dr. Alain Frère gibt im Hinterland von Nizza Einblick in seine Welt des Zirkus
Der Arzt, der Artist werden wollte
Original-Kostüme bekannter Clowns und Artisten, riesige Zirkusplakate von anno dazumal, Bilder und jede Menge Objekte, die mal unterm runden Zeltdach im Einsatz waren, entdecken die Besucher der Ausstellung «Le cirque enchanté» in Tourette-Levens. Der Bürgermeister des Ortes höchstselbst hat die Exponate bereitgestellt. Nichts leichter als das für ihn, denn im Keller seines Hauses hat Alain Frère sein ganz privates Zirkus-Museum eingerichtet.
Seine Augen glänzen, wenn er davon erzählt, wie er im Alter von vier Jahren Zinnsoldaten in Zirkusartisten verwandelte, wie er seither sammelt und akribisch sortiert, was ihm in die Hände kommt, wann immer ein Zirkus in der Nähe seiner Heimatstadt Nizza gastiert.
Alte Programmhefte sind dabei, und später, als er selbst längst Teil der Welt der Artisten ist, kommen Kunstwerke hinzu mit Zirkusszenen, Kostüme und sogar ausgestopfte Tiere, die einst in der Manege zu Hause waren.
Wie gerne wäre der junge Alain Frère Mitte des vergangenen Jahrhunderts selbst zum Zirkus gegangen! Aber damals, so schildert er, gab es noch keine Zirkusschulen, damals hätte er in eine Zirkusfamilie hineingeboren werden müssen.
Zum Glück fand sich eine andere Passion, die er zum Beruf machen konnte: die Medizin. 1967 ließ Alain Frère sich als Landarzt in Tourrette-Levens, im Nizzarder Hinterland, nieder. Seit 1983 ist er dort auch Bürgermeister, seit 1991 zudem Generalrat in den Alpes-Maritimes und nicht nur auf der politischen Bühne im gesamten Departement bestens bekannt. Seine Praxis schloss er 1998, aber der volle Terminkalender eines engagierten Mannes ist ihm bis heute geblieben.
«Für den Zirkus habe ich nur nachts Zeit», sagt er. «Wenn ich müde bin, gehe in runter in den Keller.»
Sein mit Kuriositäten vollgestopftes Privatmuseum ist, gelinde gesagt, der Wahnsinn. Hier und da leicht angestaubt, steht dort das Erbe einer aussterbenden Zunft. Löwe Atos, mit riesigem Kopf – ansonsten platt wie eine Flunder, erträgt geduldig jeden Fußtritt auf seinem breiten Rücken.
Der Trapezkünstler Gérard Edon, seit langem nicht mehr aktiv, aber bei einem Privatbesuch des Frère-Museums an diesem Tag dabei, entdeckt dort eines seiner Kostüme von 1976 wieder, über und über bestickt mit funkelnden Steinen, «viel zu schwer, um darin vernünftig zu arbeiten». Auch Stella Fratellini, Enkelin des großen François Fratellini, der mit zwei Brüdern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein weltbekanntes Clown-Trio bildete, ist gekommen. Ein gelber Filzhut ihres Großvaters (mit Schminkresten an der Krempe) ist eines der Exponate, die Alain Frère in die Ausstellung gegeben hat. Sie selbst war ebenfalls ein Kind des Zirkus und wurde mit einer Schimpansennummer bekannt.
Gérard Edon und Stella Fratellini sind Freunde des 75-jährigen Bürgermeisters. Er kennt sie alle, die Großen der europäischen Zirkusfamilien aus dem 20. Jahrhundert: Bouglione, Medrano, Gruss, ... Viele von ihnen hat er – unentgeltlich – als Arzt behandelt. Zum Dank schenkten die Geheilten ihm alte Kostüme, mit vielen schloss er Freundschaften.
«Jedes der Objekte in meinem Museum hat für mich eine Geschichte oder erinnert mich an eine Reise», erzählt Alain Frère. Seine Sammlung sei ein regelrechtes Vermächtnis des Zirkuslebens im vergangenen Jahrhundert. «Die Artisten geben mir ihre Erinnerungsstücke sehr gerne, weil sie wissen, dass ich sie gut aufbewahre.» Frère schließt die Sachen nicht weg, gerne lässt er andere an seinem Fundus Spaß haben – wie jetzt in seiner Heimatgemeinde. Und er verleiht seine Kostbarkeiten auch, aktuell beispielsweise hängen 18 seiner Kostüme in einer Ausstellung im nordostfranzösischen Lunéville.
Nicht von ungefähr kam Anfang der 1970er-Jahre die Anfrage von Monacos Fürst Rainier an den Arzt, der mal im Kleinstaat gearbeitet und dessen Leidenschaft sich herumgesprochen hatte: Ob er bei der Gründung eines Zirkusfestivals mit seinem Know-how zur Verfügung stünde?
Der Doktor schrie förmlich Ja! «Das war das Glück meines Lebens», sagt Frère heute. 35 Festivals später hat er an die tausend Nummern nach Monaco geholt und ist nach wie vor künstlerischer Berater.
Seine Ausstellung in Tourrette-Levens kommt etwas bescheidener daher. Zwei Räume füllen die Zirkus-Souvenirs – und die publikumswirksamste Attraktion hat Alain Frère von einem Freund ausgeliehen: den Zirkus «Coliseum», ein originalgetreuer Nachbau im Maßstab 1:43 mit riesigem Zelt, 150 Zirkuswagen, mehr als 2500 Menschen und 300 Tieren.
Aila Stöckmann
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