21.02.2010 0

Provence & Côte d'Azur: Die Côte d’Azur und die Frauen – für Georges Simenon stets Liebe auf den ersten Blick

Der «Vater» des Kommissars Maigret

Der «Vater» des Kommissars Maigret, Georges Simenon, war – wen wundert’s? – selbst passionierter Detektiv. Immer wieder mischt er sich unters Volk, beobachtet und spitzt die Ohren: Ob auf Porquerolles, in Cagnes-sur-Mer und Cannes, in Nizza, Saint-Paul-de-Vence, Mougins oder in Hyères-Les-Palmiers – in provenzalischen Gassen, Tavernen und Bordellen, auf Märkten und Bouleplätzen lässt er sich inspirieren. Von seinen 400 Romanen spielen immerhin 17 an der Côte d’Azur.

Simenons Liebesnest in Cagnes sur Mer
Simenons Liebesnest an der Montée de la Bourgade in Cagnes sur Mer. Foto: Rolf Liffers

Als der Erfolgsautor vor 20 Jahren mit 86 Jahren stirbt, ist er mit 550 Millionen verkauften und in 60 Sprachen übersetzten Büchern der meistgelesene französische Schriftsteller. Und wahrscheinlich zugleich der größte Schwerenöter der Nation. In einem Interview mit Frederico Fellini schätzt der gebürtige Lütticher «in aller Bescheidenheit», in seinem Leben mit rund 10 000 Frauen geschlafen zu haben – darunter Josephine Baker, aber nach Angaben einer seiner Ehefrauen «auch alle Hausmädchen, die es zuließen». Der Schweizer Diogenes Verlag vollendet in diesem Frühjahr eine Maigret-Gesamtausgabe in 75 Bänden.

Dolce vita auf Porquerolles
Sein Herz für die französische Riviera hat der aus einfachen Verhältnissen stammende notorische Pfeifenraucher und Weintrinker schon in jungen Jahren entdeckt. Als seine erste Frau, die Malerin Régine Renchon («Tigy»), 1926 für 800 Francs ihr erstes und einziges Gemälde verkauft, reisen beide in ausgelassener Stimmung auf die damals noch paradiesisch-unberührte Insel Porquerolles (Var). Mit von der Partie ist Hausmädchen Henriette Liberge («Boule»), mit der die Eheleute ein inniges Verhältnis verbindet. Simenon mietet eine kleine Villa mit Meerblick. Hier verbringen die Drei einen idyllischen Sommer.

Schon frühmorgens sitzt Simenon auf der Terrasse, genießt die Sonne und tippt Geschichten und Schundromane. Den Rest des Tages geht er mit den Damen schwimmen oder tingelt mit seiner kleinen Motoryacht «La Ginette» die Küste entlang. Es gibt Einladungen, Bekanntschaften und neue Freunde. Man versucht es mit Nacktbaden und setzt die Pariser années folles fort – nur eben unter dem lauen Sternenhimmel des Midi.

Simenon findet solchen Gefallen an Porquerolles, dass er von nun an stets nach Süden aufbricht, sobald er mit einer neuen Romanidee schwanger geht und Kulissenwechsel braucht. So entsteht in dem Sommerhaus im Juni 1933 der Krimi mit dem schlichten Titel «Maigret».  1934 bringt er an selber Stelle den exotischen Roman «Touriste de bananes» zu Papier, der auf Tahiti spielt und zu den 20 literarisch besten Simenon-Büchern gezählt wird.

Unruhige Jahre
Von der deutschen Besatzung bleibt Simenons Erfolg unberührt. Der Zweite Weltkrieg spielt in seinen Texten so gut wie keine Rolle (große Ausnahme ist «Le Train», der 1973 mit Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider in den Hauptrollen verfilmt wird). Nach der Befreiung Frankreichs 1944 wird Simenon gar der Kollaboration verdächtigt. 1945 siedelt er nach Kanada und später in die USA über. Erst 1955 kehrt er nach Europa zurück und sucht lange, bis er sich in Cannes niederlässt. 1956 – die Ehe mit Régine ist bereits 1949 gescheitert – schenkt Simenon seiner zweiten Ehefrau Denyse ein Häuschen an der schlossnahen Montée de la Bourgade in Cagnes-sur-Mer zum Geburtstag, das das kleinste von ganz Haut-de-Cagnes sein soll. Eine kurze Stiege führt von der Straße zur Wohnungstür des winzigen Liebesnests mit dem beziehungsreichen Namen La Folie de Denyse (Denyses Leidenschaft) hinauf. Jean Cocteau ist Stammgast im alten Dorf, wie auch der Filmemacher Jean Renoir und die blutjunge Brigitte Bardot, die gerade mit Dreharbeiten zu «La vérité» in den Studios de la victorine in Nizza beschäftigt ist. Heute – über 50 Jahre später – erinnern nur noch die verschlungenen Initialen D. und S. im schmiedeeisernen Geländer an die zwei Turteltauben von einst.

Von Cannes in die Schweiz
Offiziell residieren die Simenons mit ihrem Gesinde in der Prunkvilla «Golden Gate» im feinen Quartier Californie in Cannes. 1957 verlässt der Autor die mediterrane Pracht und zieht in einen 26-Zimmer-Palais in der Schweiz.
1960 setzt er als Präsident der Jury des Filmfestivals von Cannes durch, dass Federico Fellinis skandalumwitterter Streifen «La dolce Vita» die Goldene Palme erhält, was wiederum mit Simenons eigenem süßen Leben und seinen Moralvorstellungen in Verbindung gebracht wird. 1966 wird zu seinen Ehren im niederländischen Delfzijl, wo er die Figur des Maigret erdachte, eine Bronze des legendären Kriminalisten enthüllt. An der Feierstunde nehmen nicht weniger als fünf lebende Fernseh-Maigrets teil, unter ihnen Heinz Rühmann. 1973 stellt Simenon seine Roman-Produktion ein. Von den Folgen einer Gehirnoperation und einem Schlaganfall gezeichnet, stirbt er 1989.

Das Urteil über sein Werk fällt zwiespältig aus. Ein Massenpublikum hat seine Bücher verschlungen. Hochrangige Schriftstellerkollegen zollen ihm höchsten Respekt. Die Literaturkritik indessen verhält sich eher reserviert. Große Auszeichnungen bleiben Simenon versagt. Doch soll dies nicht der Grund dafür gewesen sein, dass sein Sohn John nach dem Tod des Vaters sagt: «Er starb unglücklich.»      

Rolf Liffers

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