14.02.2010 0

Kunst & Kultur: Alfons Alt zeigt seine Werke in Cannes

Einstürzende Gewissheiten

Auf den ersten Blick hat er viel von einem schwäbischen Handwerker: ein wenig bieder, fleißig, traditionsgebunden. Aber eben nur auf den ersten Blick. Alfons Alt ist zwar tatsächlich Schwabe, 1962 in Illertissen bei Ulm geboren. Doch sobald er den Mund aufmacht, ist nichts Biederes mehr an ihm, er zieht den Zuhörer in seinen Bann. Wie auch die Betrachter seiner Werke, die noch bis zum 28. März unter dem Titel «Einstürzende Gewissheiten» im Malmaison zu sehen sind.

Überraschend kreativ und übersprudelnd von Lebensphilosophien – so lernen wir Alfons Alt bei seiner Vernissage in Cannes kennen. Er wird nicht müde, begeisterten Besuchern eine persönliche Widmung in den hervorragend gemachten dreisprachigen Katalog zu schreiben. Im Vorwort lobt Cannes’ Bürgermeister Bernard Brochand in Anspielung auf den Ausstellungsnamen: «Bei Alfons haben wir eine Gewissheit – er ist ein großer Künstler.»

Sicher ist auch, dass er Emotionen zu wecken weiß. Den inneren, geheimen Kern des Einzelnen mit seinen Werken zum Klingen bringt. Genau das ist sein Ziel: «Ich möchte Dinge ausdrücken, die den Menschen berühren», sagt Alt. 
1985 zog er als unabhängiger Fotograf nach Frankreich, jedoch nicht ohne seine Schreinerlehre abgeschlossen zu haben – «dann mach, was du willst», sagte sein Vater, der ebenso wie seine Vorfahren dieses Handwerk erlernt hatte.

Alfons machte dann wirklich, was er wollte, und wie! «Die Fotografie allein hat mir nicht gereicht, sie erschien mir kalt, deswegen wollte ich ihr etwas hinzufügen.» Er erlernte alte Fotoprozesse und wendet seitdem die Altotypie an, ein Namensspiel, das Alfons Alt entzückt. Diese Technik entsteht «aus Zufall und Alchimie». Dazu gehören 30 Prozent Fotografie, 30 Prozent Gravur, 30 Prozent Malerei und zehn Prozent göttlicher Segen, wie der Künstler erklärt.

1993 gründete der mit einer Französin verheiratete Deutsche eine experimentelle Werkstatt für alternative Fotografie in den Industriebrachen von Marseille, den Friches Belle de Mai, wo er noch immer arbeitet. Heute kann er von seiner Kunst leben. Die Werke, die auf zahlreichen Ausstellungen das Publikum faszinieren (bis zum 10. Januar auch in Sanremo) und immer mehr internationale Sammler anziehen, erzielen heute Preise zwischen 500 und 25 000 Euro.

Das Repertoire ist breit gefächert und kontrastreich: deprimierende Stadtlandschaften und gleich daneben nostalgische Ansichten aus Alfons Alts Kindheit in einem Dorf mit «400 Seelen und 500 Kühen». Seine große Liebe gilt der Tierwelt, besonders den vom Aussterben bedrohten Arten, der Fauna und Flora exotischer Landstriche. Seine Darstellung menschlicher Körper strahlt eine beunruhigende erotische Kraft aus, der sich der Betrachter kaum entziehen kann.

Alt erklärt sich als besessen von dem Gedanken, dass Dinge wie auch Lebewesen nach und nach verschwinden. Deswegen will er sie mit seiner Fachkamera festhalten. Die trägt er stets bei sich, was im Digital-Zeitalter immer wieder Erstaunen hervorruft. «Auch ein Teil der Fotografie und deren Magie werden verloren gehen», erklärt Alfons Alt. «Mit dem Computer hat die Fotografie ihren Judaskuss erhalten, sie entspricht nicht mehr der Wahrheit.»

Der Künstler fühlt sich einer anderen Welt zugehörig: «Ich habe noch die Erinnerung der Renaissance in mir, doch empfinde ich die jetzige Zeit als ebenso spannend wie die damalige Epoche. Ich bin heute ganz eindeutig der bildnerischen Fotografie verschrieben.»

Picasso fragte sich einst, wer den menschlichen Körper denn richtig sehe – der Maler oder der Fotograf? Vielleicht heißt die Antwort Alfons Alt – mit der Verschmelzung der beiden Kunstarten am Scheideweg von Realität und Phantasie.   Petra Hall


Effondrement des Certitudes. Centre d’Art La Malmaison, La Croisette, Cannes, bis 28. März

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