07.04.2010 0
Kunst & Kultur: Das ehemalige Sorgenkind auf dem Weg zur Europäischen Kulturhauptstadt
Marseille muckt auf
Vor allem aufgrund seiner kulturellen Ambitionen, seiner Dynamik und seiner kosmopolitischen Einstellung habe sich Marseille gegen acht Konkurrenten – darunter Bordeaux, Lyon und Toulouse – durchgesetzt, hieß es aus den Reihen der 13-köpfigen Jury.
Galt die Hauptstadt noch bis vor wenigen Jahren als ein Ort der Spannungen, an dem Kontinente und Religionen aufeinanderprallten, wird Marseille heute als französisches Positivbeispiel für gelungenes Nebeneinander angeführt. Obwohl weiterhin Migrationsströme aus Europa, Nordafrika und Asien den Charakter der Metropole im Midi prägen, sind die Auseinandersetzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen zurückgegangen. Zudem ist die Kriminalitätsrate gesunken und eine ehrgeizige Wirtschafts- und Städtebaupolitik verändert allmählich das etwas verwahrloste Stadtbild.
Schon für sogenannte Schmuddelstädte wie Liverpool (Europäische Kulturhauptstadt 2008), Istanbul und Essen (beide 2010) führte der Weg zu einem besseren Image über die Kultur. Nun möchte auch Marseille davon profitieren.
Während des gesamten Jahres 2013 soll Bewohnern und Besuchern gleichermaßen unter dem thematischen Schwerpunkt der vier Jahreszeiten ein außergewöhnliches kulturelles Veranstaltungsprogramm mit Ausstellungen, Vorführungen, Workshops und Volksfesten angeboten werden. Als besondere Höhepunkte gelten die «Ateliers de l’Euromediterranée», die zwei neuen Festivals «InterMed» und «Via Marseille», die Internationale Biennale der Zirkuskünste, das neue Kirchenmusik-Festival und die über das gesamte Stadtgebiet verteilten Parcours.
Allerdings haben die Verantwortlichen in den kommenden zweieinhalb Jahren noch alle Hände voll zu tun. Bisher konnte sich das Komitee «Marseille-Provence 2013» unter der Leitung von Bernard Latarjet nicht einmal für ein Logo entscheiden. Außerdem sehen sich die Organisatoren mit zahlreichen offenen Baustellen und einigen Finanzierungsengpässen konfrontiert.
Um das Großprojekt dennoch erfolgreich zu stämmen, hat Bernard Latarjet einige zusätzliche Experten mit ins Boot geholt. Dazu zählt unter anderem Ulrich Fuchs. Der deutsche Germanist und Kulturwissenschaftler hat bereits als stellvertretender Intendant von Linz als Kulturhauptstadt 2009 fungiert und wird die gleiche Position auch im Marseille-Provence-Team besetzen.
Trotz einiger Schwierigkeiten befindet sich die Hafenstadt schon jetzt im Wandel. Emsig werden Museen renoviert. Ende 2009 wurde mit dem lang ersehnten Bau des Museums für Zivilisationen Europas und des Mittelmeers begonnen. Das Museum für Schöne Künste im prächtigen Palais Longchamp wird ebenfalls neu hergerichtet. Das Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert und beherbergt Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen. 2012 soll es seine Türen wieder öffnen.
Weitere Baumaßnahmen sind die Sanierungen der Docks von Zac Joliette und der Tabakmanufakturen in Belle de Mai. Es stehen Häuserrenovierungen entlang der Rue de la République an und auch der Stadtteil Saint-Charles-Porte d’Aix soll aufgewertet werden. Dort befindet sich der TGV-Bahnhof. Weiterhin ist der der Ausbau der Cité de la Méditerranée zur Amüsier- und Kulturmeile geplant.
Viele Einwohner beobachten die Aufwertung und den Wandel ihrer Stadt nun schon mit Sorgenfalten im Gesicht. Sie fürchten, sich den neuen Lebensstandard auf Dauer nicht mehr leisten zu können und in die Vorstädte verdrängt zu werden.
CD
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