22.02.2012 0
Kunst & Kultur: Der Dichter liebte die Frauen und die Côte d´Azur - Neuer Bel-Ami-Film mit Robert Pattinson bei Berlinale uraufgeführt
Maupassant: „Kein erlaubter Kuss ist so köstlich wie ein geraubter!“
Gustave Flaubert hatte den jungen Autor schon früh (1875) in Kontakt mit Pariser Literaten gebracht, insbesondere mit Émile Zola, dem Kopf der jungen naturalistischen Schule. Seinen Durchbruch als Autor erlebte Maupassant 1880 mit seiner psychologischen Novelle „Boule de suif“ ("Fettklößchen"), die in einem von Zola herausgegebenen Sammelband antimilitaristischer Erzählungen erschien. Bald konnte er sich leisten, seinen ungeliebten Job als mittlerer Ministerialangesteller zu schmeißen, den ihm Flaubert verschafft hatte. Zuvor hatte sich der sportlich-untersetzte Heißsporn beim Paddeln abreagiert, was mit diversen Liebesabenteuern und dem „Erfolg“ verbunden war, dass er sich die Syphilis holte. 1881 reiste er als Reporter nach Algerien, um dort für „Le Gaulois“ zu recherchieren. Nach seiner Rückkehr ließ er erstmals seine Seele an der Côte d´Azur baumeln, die damals aber noch nicht so hieß. Er konnte sich sogar ein Haus und ein Segelboot leisten. Und er war grell auf Sonne, auch weil sie sein Leiden zu lindern schien, das mit einem schleichende körperlichen Verfall einherging - von seinen quälenden Migräneattacken zu schweigen.
1885 - nach dem Mordserfolg seines „Bel Ami“, der es in zwei Jahren zu 50 Auflagen brachte - endgültig wirtschaftlich unabhängig, gab er seiner neuen Yacht den selben Namen wie seinem Buch. Jetzt kam er andauernd ans Mittelmeer, und man konnte ihn durch den Golf von Saint-Tropez gleiten sehen. Bald heuerte er zwei Matrosen an, so dass er selbst bei Großer Fahrt in der Sonne faulenzen konnte. Manchmal lud er auch Freunde ein, meist Mitglieder der damaligen hohen Spaßgesellschaft. Dann wieder navigierte der Playboy allein die Küste des Grand Bleu entlang und segelte von Marseille bis Menton, badete in der Bucht von Agay und meditierte stundenlang im Sonnenschein der côte sauvage, die er nach eigenen Worten deshalb so liebte, „weil sie noch nicht von den Parisern, Engländern, Amerikanern oder von anderen Hochstaplern vergiftet war“. Oft träumte er auf Bootsstegen, selbst in der Nacht, bei Mondenschein.
Manchmal rief ihn seine nervenkranke Mutter zu sich nach Menton. Stets eilte er zu ihr, stand ihr zur Seite und half auch seinem jungverheirateten Bruder, der sich gerade eine bescheidenen Existenz als Gärtner aufbaute und nicht viel zu beißen hatte. Zwischendurch abenteuerte er durchs Hinterland oder fuhr mit der Bahn nach Saint-Raphael. Dort quartierte er sich im luxuriösen Grand Hôtel ein oder ließ sich mit einem kleinen Dampfschiff nach Saint-Tropez verfrachten, wo er Leute beobachtete und ihr Verhalten studierte. Dort entdeckte er auch „die kleine Kriegerin und Anglerin“, die nach seinem Eindruck die meisten Dörfer der Gegend mit Fischen versorgte. „Beobachten ist alles“, pflegte Maupassant zu sagen. „Und zwar nicht nur mit den Augen der Meister, sondern mit den eigenen.“ Er bewegte sich viel, lief von Saint-Tropez bis Grimaud und ins Massif des Maures. Er machte sich überall Notizen, schrieb Novellen, die in 250 Zeilen aussagekräftiger waren als 250 Seiten anderer Schriftsteller. Die Leser waren ganz wild auf seine Storys, und die Zeitungen in der Hauptstadt bezahlten ihm dafür Spitzenhonorare.
Überhaupt waren Kurzgeschichten, zu denen ihm die Küstenbewohner reichlich Stoff lieferten, seine absolute Stärke. Er schrieb Hunderte davon, bevor er sich der großen Form des Roman und des Theaterstücks zuwandte. In Saint-Raphael wurde Maupassant zufällig Zeuge einer Hochzeitszeremonie in der nagelneuen Kirche Notre Dame de la Victoire. Er erfuhr, dass die Ehe dort nicht aus Liebe geschlossen werden sollte, sondern aus Familienkonvention. Die Braut wurde dem Bräutigam also quasi geliefert. Da schwor sich der Dichter, nie zu heiraten. „Ich liebe die Frauen viel zu sehr, um mich an eine einzige zu binden. Kein erlaubter Kuss ist so köstlich wie ein geraubter!“ („Un baiser légal ne vaut jamais un baiser volé!“).
In Saint-Aygulf fiel Maupassant eine Reihe von stehenden Gewässern auf - die sogenannten Teiche von Villepey. Bis zur Dämmerung fuhr er auf einem Plattbodenboot von einem zum anderen - und war reinst entzückt. Aus den geheimnisvollen Tiefen, aus einem Dickicht primitiver Pflanzen, brach ein Schwarm Vögel empor. „Und die untergehende Sonne entwickelte eine Farbenpracht wie am jüngsten Tag“. Zurück an Bord seines am Meeresufer verankerten Segelschiffs will er nur schlafen - in Reichweite ein Fläschchen Morphin, das er gegen die syphilitischen Schmerzen nimmt. Heimtückisch geht vor seinem geistigen Auge ein Stamm von Spirochäten seinem tödlichen Werk nach, zunächst am Leib, dann im Gehirn.
Auch in Saint-Maxime hat Maupassant Erscheinungen - er sieht seinen Vater Gustav, den alten, müden und von seiner Frau getrennten Don Juan, der durch die Gegend irrt. Unglücklich und qualvoll muss er weiterleben. Guy hat ihn respektiert, ohne ihn wirklich zu schätzen.
In Saint-Tropez indessen, das ihn sehr anzieht, erlebt er immer wieder schöne Tage. Er liebt die einfachen Leute, die Fischer, den Singsang des provencalischen Dialekts. Von seinem Hôtel du Bailli de Suffren aus bewundert er das Meer, die Boote - darunter sein eigenes -, die dort vor Anker liegen, und dahinter die enorme Weite des Maurengebirges, in dem auch die Chartreuse de la Verne schlummert, wohin es ihn zog, um seinen malträtierten Geist zu besänftigen. „Man muss diese Klöster einfach bewundern, diese Orte der Stille mit ihren langen Arkaden der Melancholie“.
Doch solch schöne Momente werden in seinem Leben immer seltener. Er leidet „wie ein jaulender Hund“. Und dann sprudelt es wieder nur so. Novellen, Erzählungen, Romane entstehen - von denen er sechs veröffentlicht. Das siebte Oeuvre („L´Angelus“) packt er nicht mehr....
Und wieder versucht er zu überleben. Vom Ufer aus, wo die Bel-Ami angetäut ist, läuft er nach Boulouris, um den Gärtner-Poeten Alphonse Karr in seiner „Maison close“ zu besuchen. Er durchqert einen Mimosenwald und kommt an die kleine Pforte, die sich keinem Unbefugten öffnet. Karr begrüßt ihn wärmstens, den 40-jährigen jungen Spund, der so viel mit ihm gemeinsan hat: Die Vorliebe für die Schreiberei, die Ironie, die Frauen, das Meer, die Natur, die freigewählte Einsamkeit und eine gewisse Wildheit. „Wenn Sie in Frieden leben wollen, sollten sie keine Nachbarn haben“, empfiehlt Karr.
Maupassant findet eh keinen Frieden. Immer öfter setzt er sich auf sein Boot ab. Paris - das will er nicht mehr. Zu laut. Zu voll. Journalisten, die von dem „hallucinant Horla“ Wind gekriegt haben, erklären ihn schon für verrückt. 1890 schreibt er keine einzige Zeile mehr, derweil seine Bücher im In- und Ausland reißend weggehen. Insbesondere die, in denen er von Wahnsinn spricht. Seinem Freund Doktor Cazalis sagt er: „Ich bin hoffnungslos verloren. Der Tod steht vor der Tür, und ich bin verrückt.“
Das Jahr 1891 wird zum totalen Fiasko. Selbst sein Wunsch, nichts Neues mehr anzufangen, führt zu nichts. Maupassant sieht seine Mutter in Nizza wieder, verbringt mit ihr den Neujahrstag 1892, kehrt nach Cannes zurück, wo er sich vergeblich das Leben zu nehmen versucht. Daraufhin wird er nach Paris gebracht und 18 Monate in die geschlossene Anstalt der Klinik von Dr. Blanche gesperrt. Dort stirbt er nach einem letzten Schüttelkrampf am 6. Juli 1893.
„Ein Leben!“ sagt Maupassant - „Das sind ein paar Tage und sonst nichts!“
Zurück zur Berlinale: Der englische Bel-ami-Film, der außer Konkurrenz lief, erzählt die Geschichte eines gerade aus Algerien in das Paris der achtziger Jahre zurückgekehrten Soldaten. Er trifft dort den einflussreichen Forestier wieder, den er aus dem Maghreb kennt. Forestier führt ihn in die High Society ein, in der es vor einflussreichen Männern und schönen Frauen nur so wimmelt. Eine der Damen animiert ihn, sein Algerien-Tagebuch zu veröffentlichen - der erste Schritt zu einer journalistischen Karriere, auf dem ihn fortan seine künftige Geliebte, Forestiers Frau Madeleine (Uma Thurman), zärtlich begleitet. Der Veteran schafft es bis in die angesehendsten Pariser Salons, bringt es vom Schreiberling bis zum mächtigen Chefredakteur, der schließlich sogar am Sturz der Regierung mitwirkt.
Wie sich die Bilder gleichen: Maupassant hatte in seinem 1885 erschienenen Roman den kometenhaften Aufstieg des ehemaligen Unteroffiziers Georges Duroy im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschrieben. Der ungebildete, geltungssüchtige und mittellose Kerl trifft seinen einstigen Kameraden Forestier wieder, der inzwischen bei der Zeitung arbeitet. Forestier verschafft ihm dort eine Stelle als Reporter, muss allerdings erkennen, dass seinem Schützling jegliches Talent zum Schreiben fehlt. Der lässt sich darum von Forestiers Frau die Feder führen - und nicht nur die. Gesellschaftlich macht Duroy dank seiner Beziehungen zu etlichen hochgestellten Damen Karriere. Ausgerechnet ein Kind, die Tochter seiner ersten Geliebten, gibt ihm den Spitznamen "Bel Ami", unter dem er bald bekannt wird.
Nach Forestiers Tod heiratet er dessen Witwe, hat jedoch bald genug von ihr und findet nur zu gern Gelegenheit, sie in flagranti zu erwischen. Duroy verführt kurz darauf die Tochter des Zeitungsherausgebers Walter, eines der reichsten Männer von Paris, der mit Unterstützung der Regierung durch Immobiliengeschäfte ein Vermögens gemacht hat. Obwohl sich Walter gegen eine Hochzeit von Duroy mit seinem Töchterlein sträubt, muss er einlenken, als Duroy das junge Mädchen kurzerhand entführt. Seine zweite Hochzeit macht ihn endgültig zu einem geachteten Mann und eröffnet ihm den Aufstieg zur Spitze der Gesellschaft.
Der Romanstoff ist schon mehrfach verfilmt worden: 1939, 1955, 1976 unter Willi Forst, Louis Daquin beziehungsweise Mac Ahlberg. In der neuesten Version, die Ende April in die Kinos kommt, führten die Debütanten Declan Donnellan und Nick Ormerod Regie.
Pattinson sagte bei der Pressekonferenz in Berlin, es sei seltsam, fast ein "Single-Sex-Publikum" zu haben - also fast ausschließlich weibliche Fans. "Ich habe da unglaublich Glück gehabt." Seiner Filmgespielin Christina Ricci fröstelte ein wenig, als sie die Bettszenen am Set schildert. Alles sei (in Gänsefüßchen:) sehr intim und romantisch gewesen, zumal ihnen in dem Raum ohne Decke bei der Liebe rund 100 Leute zugeschaut hätten.
Rolf Liffers
Copyright Mediterraneum Editions sarl. Teilen Sie unsere Artikel gerne mit Freunden und Bekannten, aber bitte nutzen Sie dazu ausschließlich die oben stehenden "Share-Werkzeuge". Bitte schneiden Sie keine Artikel von rczeitung.com aus, um sie im Web oder in Blogs weiterzuverwerten.
Kommentare
Bitte loggen Sie sich ein um einen Kommentar zu diesem Artikel zu hinterlassen.





Kommentare
Einen Kommentar schreiben