10.08.2011 0

Kunst & Kultur: Klaus Harpprecht schrieb im Var die Geschichte einer großen Liebe

"Mein Hintern kennt keine Nation"

Der seit fast drei Jahrzehnten in La Croix-Valmer (Var) lebende deutsche Journalist Klaus Harpprecht hat nach seinem Erfolg mit der Biografie von Gräfin Marion Dönhoff (Rowohlt) ein weiteres Buch über das spannende Leben einer Frau geschrieben. Es erzählt die Geschichte einer großen Liebe während des zweiten Welkrieges, der dramatischen Liebe zwischen der damals mit Abstand berühmtesten und bestbezahlten französischen Schauspielerin Léonie Bathiat ("Arletty") und dem deutschen Besatzungsoffizier Hans Jürgen Soehring (1908-1960).

Klaus Harpprecht
Nach einer Dönhoff-Biografie hat der seit Jahrzehnten im Var lebende deutsche Autor Klaus Harpprecht jetzt ein neues Buch vorgelegt: "Arletty und ihr deutscher Offizier" (erschienen bei S. Fischer)

Scheinbar nebenbei hat Harpprecht in den vielschichtigen Stoff Einblicke in den Pariser Alltag jener und Erkenntnisse unserer Tage verwoben sowie der Figur des damaligen Wehrmachtssoldaten Ernst Jünger (1895-1998) lebendige Gestalt verliehen. "Arletty und ihr deutscher Offizier – Eine Liebe in Zeiten des Krieges" (416 Seiten) ist im S. Fischer-Verlag Frankfurt am Main erschienen, dessen Chef (1966-1969) der heute 84-jährige unermüdliche Autor und frühere Redenschreiber und Berater von Bundeskanzler Willy Brandt einst war. Zu Jünger an dieser Stelle nur soviel: Die Stadt Nizza hat dem vielfach ausgezeichneten Schriftsteller 1977 ihren Buchpreis ("L´Aigle d´Or") verliehen.

Klaus Harpprecht arbeitete viele Jahre als Journalist für Rundfunk und Fernsehen (RIAS Berlin, SFB, WDR und ZDF). Er gilt als der erste deutsche Amerika-Korrespondent. Ab 1982 produzierte er in Frankreich Dokumentarfilme und war zugleich Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und vor allem der »Zeit«. Harpprecht ist Autor und Herausgeber etlicher erfolgreicher Bücher, darunter eine gerühmte Thomas-Mann-Biografie. Von 2007 bis 2010 editierte er zusammen mit Michael Naumann ›Die Andere Bibliothek‹. Der gebürtige Stuttgarter wurde vielfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Theodor-Wolff-Preis und zuletzt mit dem Lessing-Preis der Stadt Hamburg. Außerdem ist er Ritter der französischen Ehrenlegion. In Croix-Valmer lebt Harprrecht mit seiner Frau Renate Lasker-Harpprecht.

Im Zusammenhang mit dem Arletty-Buch sagte der Verfasser dem deutschen Fernsehen ("aspekte") über die Rolle der Kultur in der Besatzungszeit, man habe sich damals in Paris ganz passabel mit den Besatzern eingerichtet. Die Zusammenarbeit mit den Deutschen, die "Collaboration", hätten die meisten Franzosen nicht als Schmach, sondern als Alltäglichkeit empfunden. Den Widerstand - die vielbeschworene "Résistance" - hätten die meisten sogar bis kurz vor Kriegsende verweigert. Schon Frankreichs überraschend schnelle Kapitulation habe für einen Mangel an Widerstandswillen gesprochen.

Harpprecht glaubt , "dass es eine kollektive unterbewusste Neigung oder einen Willen gab, Frankreich nicht die gleichen Opfer zuzumuten, die sie der erste Weltkrieg gefordert hat, wo jeder zehnte Mann im arbeitsfähigen Alter gefallen war". Die deutschen Besatzer kamen mit der Peitsche, aber mehr noch mit Zuckerbrot. Am Arc de Triomphe ehrten Frauen und Männer der deutschen Luftwaffe die französischen Gefallenen von 1914/18. Hitler - so sprach sich herum - besichtigte bei seiner Visite in Paris nicht nur den Eiffelturm, sondern blieb lange im Invalidendom - voller Ehrfurcht vor dem Sarkophag Napoleons.

Für den gewöhnlichen deutschen Soldaten galt: Höflich grüßen, auf der Straße nicht rauchen und Kragenknöpfe immer ordentlich geschlossen halten. "Nicht mehr als drei Gänge im Restaurant, bloß nicht als deutscher Vielfraß auffallen!", schildert Harpprecht. "Es gab damals, vor allem in den bürgerlichen Schichten, einen tiefen Respekt vor der französischen Zivilisation."

Arletty drehte fleißig in dieser Zeit - wie Tausende andere auch. Unter deutscher Okkupation entstanden nicht weniger als 220 (!) Filme. "Es war eine schizophrene Situation in Paris", findet Harpprecht. "Auf der einen Seite die furchtbaren Schatten der Razzien, der Deportationen. Zum anderen herrschte ein kulturelles Leben, von dem man nur sagen kann, dass es blühend gewesen ist."

Ein Paradox, auf das Harpprecht auch in der Literatur- und Theaterwelt stieß: Jean-Paul Sartre legte 1943 sein philosophisches Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" vor. Jean Cocteau sorgte immer wieder für Theaterskandale und schrieb seinem Geliebten Jean Marais die ersten Rollen auf den Leib. Auch die große Simone de Beauvoir oder Marguerite Duras debütierten in den Jahren der deutschen Besetzung. Harpprecht wurde bei seinen Recherchen selbst überrascht: "Es ist erstaunlich, welche Art von Büchern erscheinen konnte: Ich wusste nicht, dass das erste Werk von Camus in der Besatzungszeit erschienen ist."

Noch erstaunlicher, dass ein deutsch-nationaler Denker wie Ernst Jünger, der mit einer Ehrenkompanie ins besetzte Paris eingeritten war, sich im Maleratelier des bekennenden Linken Pablo Picasso einfand. In den Augen der Nazis galt Picasso als Inbegriff des entarteten Künstlers. Sein Bild "Guernica" - Picassos Anklage gegen den Faschismus - besiegelte sein Ausstellungsverbot. Und dennoch behauptete Picasso seine künstlerische Anziehungskraft. "Jünger hat Picasso besucht und ist sehr freundlich empfangen worden", wundert sich Harpprecht. "Sie hatten ein sehr angeregtes Gespräch, das dann schließlich Picasso mit dem Satz beendete: Wenn wir beide den Frieden aushandeln müssten, dann wäre das in zwei Stunden erledigt."

Als die Alliierten in Paris einrückten, zogen die deutschen Truppen weitgehend friedlich ab. Harpprecht sieht darin den Erfolg der Selbstbehauptung der französischen Kultur: Sie nötigte den Deutschen Respekt genug ab, um von ihrer Zerstörung abzulassen. Frankreichs Kultur blieb unbezwingbar.

In Harpprechts neuem Buch verliebt sich der 1898 geborene Theater- und Filmstar Arletty in den deutschen Gentleman-Offizier Hans Jürgen Soehring, einen Juristen, der sich nach dem Krieg als Schriftsteller versuchte, später Diplomat wurde und als Botschafter in der Republik Kongo ums Leben kam. Die beiden verbindet eine leidenschaftliche Affäre unter den feindseligen Blicken der französischen Landsleute und der deutschen Besatzungsmacht. Doch selbst Auftrittsverbot, Hausarrest und Degradierung nach der Befreiung können ihrer Liebe nichts anhaben.

Arlettys Kino-Schaffen erstreckte sich von "Spiel in Monte Carlo" bis "Der längste Tag" (1962). Zunächst aber war sie Stenotypistin, Mannequin und Revuetänzerin gewesen. Als Filmstar verkörperte sie Vamps, Prostituierte und die femme fatale, spielte aber auch Rollen in Klassikern des französischsprachigen Cinema wie Marcel Carnés "Hotel du Nord" und im Drama "Die Nacht mit dem Teufel". Ihre berühmteste Rolle war die der erwähnten Garance in "Kinder des Olymp", der im wesentlichen in Nizza gedreht und in Paris vollendet wurde.

Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität stand Arletty berühmten Malern ihrer Zeit wie Georges Braque, Moise Kisling und Henri Matisse Modell und galt als Muse von Dichtern wie Jacques Prévert und Céline sowie von Modeschöpfern wie Alaia.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ihr Stern wegen der Affäre mit Soehring zu sinken. Als Kollaborateurin verbrachte sie zwei Monate im Gefängnis und erhielt bis 1949 keine Rollen mehr. Sie leugnete alle Vorwürfe und rechtfertigte ihre Haltung mit den Worten: "Mein Herz schlägt französisch, aber mein Hintern ist international". Später wirkte sie zwar wieder in Filmen mit, erreichte aber nie mehr ihren früheren Erfolg. Nach einem Unfall erblindete sie im Alter von 68 Jahren vollständig.

1971 veröffentlichte Arletty ihre Memoiren unter dem Titel "La Défense" – ein doppeldeutiger Titel, da er neben der wörtlichen Bedeutung ("Verteidigung") noch eine zweite Interpretationsmöglichkeiten bietet: "La Défense" heißt das Stadtviertel, in dem die Actrice ihre Jugend verbrachte. 1992 ist sie gestorben und auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beigesetzt worden.

Rolf Liffers

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