31.07.2010 0

Kunst & Kultur: Einst «Kolchose des Snobismus», ist die Villa Noailles in Hyères nun ein Kunstzentrum

Poesie des rechten Winkels

1923 schenkte der Vicomte de Noailles seiner Braut Marie-Laure ein traumhaftes Hanggrundstück in Hyères-les-Palmiers zur Hochzeit. Auf den Grundfesten einer alten Schlossruine entstand alsbald zur demonstrativen Abkehr von der Belle Époque eine hypermoderne Villa – so extravagant wie die Eigentümer selbst und viele ihrer Sommergäste. Diese waren experimentierfreudige Künstler, deren Namen in die Kunstgeschichte eingegangen sind. Nach langen Renovierungsarbeiten ist die Kreativschmiede der Moderne nun offiziell ein interaktives Museum mit den Schwerpunkten Mode, Design, Film und Fotografie.

Villa Noailles
Die Villa Noailles in Hyères ist nach jahrelangen Renovierungsarbeiten nun offiziell ein interaktives Museum für Mode, Design, Film und Fotografie.

Es muss ein ziemlich schräges Völkchen gewesen sein, das sich im Goldenen Zeitalter auf dem einstigen Schlosshügel von Hyères tummelte und mit seinen schrillen Ideen nicht nur die Provinz, sondern auch Groß-Paris in Schockzustand versetzte. Dadaisten, Surrealisten, Kubisten. Unter ihnen Man Ray, Max Ernst, Jean Cocteau, Alberto Giacometti. Auch Musiker und Komponisten wie Francis Poulenc und Igor Markevitch.

In Hyères jedenfalls begann «L’Age d’Or» mit einem Paukenschlag: Der gleichnamige Skandalfilm, den Salvador Dalí und Luis Buñuel 1930 mit Hilfe der Noailles drehten, wurde sofort nach der Uraufführung in Hyères verboten (und blieb es über 50 Jahre). Man Ray drehte dort 1929 den Film «Les Mystères du Château de Dé», Jean Cocteau 1930 «Le Sang d’un Poète». 1931 wurde Giacometti, der dort 1932 in residence arbeitete, um eine Monumentalskulptur für den umliegenden Park Saint-Bernard gebeten. Es entstand aber etwas Kleineres – «Der surrealistische Tisch». Das Objekt wurde im Korridor der Villa aufgestellt. Heute gehört es zur Sammlung des Centre Pompidou.

Schlüsselfigur der bunten Intellektuellenszene war fraglos Marie-Laure de Noailles, die begüterte «vicomtesse du bizarre», wie sie auch genannt wurde, eine Urenkelin des dämonischen Marquis de Sade, in deren Adern sich deutsches und französisches Blut vereinigten. Marie-Laure war das einzige Kind des deutsch-jüdischen Pariser Bankiers Maurice Bischoffsheim und seiner Frau Marie-Thérèse de Chevigné. Nach dem frühen Tod ihres Vaters hatte die Mutter den Dramatiker Francis de Croisset geehelicht. Durch ihn entdeckte Marie-Laure ihr Herz für die Kunst. Sie nahm privaten Mal- und Zeichenunterricht bei dem 13 Jahre älteren Jean Cocteau, dessen Geliebte sie auch war. 1936 engagierte sich die Aktivistin «du gratin» (etwa: crême de la crême) für die Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco.

Im Zweiten Weltkrieg, genauer: ab 1940, war die Villa Noailles von der italienischen Armee besetzt. Ab 1943 diente sie als Hospital. Davon unbeirrt, setzte Marie-Laure ab 1947 bis zu ihrem Tod (1970) die Tradition fort, den Sommer über Künstler und wohlhabende Pariser in ihre «Kolchose des Snobismus» einzuladen, während sich ihr Mann Charles in Grasse niederließ. Ab 1948 förderte die Mäzenin Giacometti weiter, Oscar Dominguez und viele andere. Schließlich hingen alle Räume voll zeitgenössischer Kunst, in ihrem Schlafzimmer nichts Geringeres als die Anemonen von Georges Braque. Ihre Stiefschwester Jacqueline de Croisset heiratete 1971 den US-amerikanischen Schauspieler Yul Brynner. Ihr Neffe Philippe Lannes de Montebello wurde 1977 Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York.

Als Architekten für die Villa Noailles hatte der Vicomte zunächst Le Corbusier und Mies van der Rohe ins Auge gefasst. Den Auftrag, das «Ferienhäuschen» zu bauen, erhielt schließlich Robert Mallet-Stevens. Über den Dächern von Hyères schuf er ein für die Architektur jener Tage emblematisches Gebäude. Die Baustelle wurde von 1924 bis 1929 zum Experimentierfeld für den Architekten, dessen Vorbilder der Wiener Josef Hoffmann, die Studien der niederländischen Künstlergruppe «De Stijl» und die Theorien des Bauhauses waren. Geplant war zunächst eine bescheidene Winterresidenz, «ein kleines Haus, so konzipiert, dass die Sonne morgens in die Schlafzimmer und nachmittags in den Salon scheint». Das Ehepaar Noailles aber erweiterte schon während der Bauzeit das Raumprogramm, und es entstanden nach und nach Schwimmhalle, Gymnastikraum, Squash-Raum und weitere Anbauten. Darunter in kubistischer Manier, wie der Park von Gabriel Guévrékian, ein spitzer Bug, über dessen «Brücke» sich Charles sozusagen als Kapitän eines steinernen Luxusdampfers fühlen konnte.

Im Gegensatz zu den zeitgleichen Bauten von Le Corbusier, der seine Villen auf Stützen oder Säulen stellte und vom Gelände löste, besteht der Bau von Mallet-Stevens aus einer Aneinanderreihung von Zimmern, deren Fußböden – der Topografie des Hanges folgend – unterschiedlich hoch liegen.

Bestimmt wird das Bauwerk von der «Poesie des rechten Winkels». Nach dem Tod der Vicomtesse wurde es still in Hyères. Die Villa Noailles blieb unbewohnt, obwohl die Stadt das Anwesen schon 1973 für gut zwei Millionen Francs erworben hatte. Es dauerte aber viele weitere Jahre, bis endlich ein Ruck durch die arg verwitterten Räume ging. Mit Hilfe von Staat, Region, Departement und Kommune wurde etappenweise grundrenoviert. Der dritte Bauabschnitt – die neue Inneneinrichtung hat Philippe Starck entworfen – wurde erst vor wenigen Wochen abgeschlossen.

Zwischen den einzelnen Bauphasen fanden immer häufiger Kulturevents mit prominenten Partnern wie dem Pariser Centre Pompidou statt. Jährlich wurden Musik- und Modefestivals durchgeführt, bei denen grands créateurs wie Lagerfeld, Azzedine Alaia und Christian Lacroix in der Jury saßen. Überdies wurden mehrere Ausstellungen gezeigt, darunter auch eine mit Fotos von Karl Lagerfeld. In diesem Frühling inspizierte Kulturminister Frédéric Mitterand die Baustelle. Ab dem 2. Juli ist das 1975 zum Monument historique erklärte Haus an der Montée Noailles nun offiziell Centre d’Art et d’Architecture.

Es umfasst auch eine Dauerausstellung mit Werken von Marie-Laure de Noailles, die als Schriftstellerin und Dichterin erfolgreich war und sich nach dem Krieg als Malerin profilierte. Seit 1948 waren ihre Bilder jährlich in Pariser Galerien zu sehen.

Heute wird die Villa Noailles von der Gesellschaft FIAMH (Festival International des Arts de la Mode d’Hyères) verwaltet.

Rolf Liffers

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