26.03.2011 0

Kunst & Kultur: Fotos des deutschen Pioniers August Sander in Nizza

Wegweiser für Generationen

Vor mehr als einem Jahrhundert war die Bedienung einer Kamera ausschließlich Privilegierten vorbehalten. Zu diesen zählte August Sander, der sich dank finanzieller Unterstützung seines Onkels eine Fotoausrüstung kaufen und ein Labor einrichten konnte. Der 1876 im Rheinland geborene Sohn eines Bergbauzimmermanns machte sein Hobby zum Beruf und diente ganzen Generationen von Fotografen bis heute als Wegweiser.

1914 fotografierte August Sander diese jungen Bauern
Junge Bauern im Westerwald zeigt dieses 1914 entstandene Sander Foto, Copyright: Die Photographische Sammlung SK Stiftung Kultur - August Sander

Werke dieses Pioniers sind aktuell in Nizzas «Théâtre de la Photographie et de l’Image» zu sehen. Auf Anfrage von Galerie-Direktorin Marie-France Bouchours schickte Enkel Gerd Sander die Ausstellung «Porträts, Landschaften und Architekturen» seines Großvaters nach Südfrankreich. Er selbst kam zur Vernissage und unterstrich in seiner Rede den dokumentarischen Charakter der Bilder des Ausnahmekünstlers, die der «Neuen Sachlichkeit» zuzuordnen seien.
Die zahlreichen hinterlassenen Sander-Fotos füllen in Köln ein eigenes Archiv. Sie zeichnen ein soziologisches Panorama der unterschiedlichen Berufsklassen in Deutschland vor allem zur Zeit der Weimarer Republik. Sanders Arbeiten zeigen die vielseitigen Landschaften des Rheinlands und seine Bewohner. Porträts geben Einblick in den Alltag der Menschen in den Straßen Kölns, wo sich Sander 1910 niederließ.

Die in Nizza ausgestellten Bilder sind Teil von Sanders Lebenswerk «Menschen des 20. Jahrhunderts», in dem er einen Querschnitt der deutschen Gesellschaft in Fotoserien zeichnete. Dieser Bildatlas enthält unter anderem «Bauernporträts aus dem Westerwald». Die Bilder zeigen Menschen mit charakeristischer, oft berufsspezifischer Kleidung in typischer Umgebung.

Die leidenschaftliche Arbeit des Fotografen zeichnet sich durch eine strenge Objektivität aus, durch die sich viele zeitgenössische Künstler – vor allem Walker Evans, Irving Penn, Robert Frank und Andreas Gursky – beinflussen ließen.
Gerd Sander erinnert sich noch gut an seinen 1964 gestorbenen Großvater, der mit Künstlern wie Otto Dix befreundet war. Vom Opa, so der Enkel bei der Vernissage in Nizza, habe er die wichtigste Lektion seines Lebens gelernt: «Sehen, beobachten, denken.»

August Sander versuchte stets, ganz er selbst zu sein und das zu tun, was er für richtig hielt. Gerd Sander, selbst Fotograf und mittlerweile im Ruhestand, ist stolz darauf, dass er diese Prinzipien übernommen hat. «Ein Stil lässt sich nicht kopieren, er entwickelt sich eigenständig in einem unabhängigen Geist», sagt er im Gespräch mit der RCZ.

«Eine Kamera ist nur ein Arbeitsgerät. Die Bilder entstehen im Kopf des Fotografen.» Freigeist Gerd Sander lebt heute in der Normandie und ist sehr angetan von dem Land, in dem zu Lebzeiten seines Großvaters der Surrealismus entstand.

Auch wenn der Enkel für die Industrie arbeitete und betont, dabei selbst keinen künstlerischen Anspruch gehabt zu haben, kann er den Kunstsinn im Blut nicht ganz verleugnen. Seine Augen glänzen, als er vom Surrealen schwärmt, das «den Alltag verziert».            

J. Dahm

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