25.08.2010 0
Menschen: Seillans widmet Max Ernsts Frau Dorothea Tanning eine Ausstellung zu ihrem 100. Geburtstag
Bitte keine Glückwünsche!
«Jetzt sind wir Provenzalen, sonnengereift wie Feigen. Seillans ist von nun an unsere Heimat!» schreibt die aus Illinois stammende und heute in New York lebende Autodidaktin Dorothea Tanning 1965 in ihr Tagebuch. «Wir haben die Touraine und die feuchten Nebelschleier von Huisme nach zehn Jahren hinter uns gelassen und damit den grünlichen Schimmel, der sich in Max’ Schuhen verkroch... .» Tanning und Ernst beziehen zunächst das ehemalige Gasthaus «Dolce Vita». Doch schon bald beginnt sie mit den Entwürfen für ein neues Haus, das 1970 in der Nachbarschaft bezogen und für Max Ernst die Endstation seines bewegten Lebens werden wird.
1935 ließ sich Dorothea Tanning in New York nieder. Dort kam sie ein Jahr später erstmals mit dadaistischen und surrealistischen Werken in Berührung, von denen von nun an die prägenden Impulse für ihre eigene Arbeit ausgingen. Neben dreißig anderen Malerinnen wie Frida Kahlo und Meret Oppenheim war sie 1943 in einer Gemeinschaftsausstellung in Peggy Guggenheims Galerie «The Art of This Century» vertreten – was Peggys Ehe mit Max Ernst gar nicht gut bekam. Jedenfalls ließ sich Ernst bald darauf scheiden, um 1946 Dorothea Tanning zu ehelichen. Im selben Jahr nahm Tanning neben Größen wie Salvador Dalí am Bel-Ami-Wettbewerb teil. Hierzu reichte sie ihr Bild «Die Versuchung des Heiligen Antonius» ein, eine erotische Metapher. Später löste sie sich vom Surrealismus und fand ihren eigenen Weg in einem farbbetonten Impressionismus. Ihre erste Einzelausstellung hatte Tanning 1954 in Paris. 1959 war sie Teilnehmerin der Documenta II in Kassel.
«Happy Birthday Dorothea Tanning» – unter diesem Motto zeigt das Maison Waldberg in Seillans bis zum 31. Oktober eine große Ausstellung. Vorgestellt werden Lithografien von ihr und Ernst, unveröffentlichte Fotos, Berichte von Zeitgenossen und andere Dokumente aus ihrem Leben. Die Objekte stammen teilweise aus der ständigen Ausstellung des Maison Waldberg. 26 Originale (Gouachen und Öl), Lithografien, Gravuren und Plakate werden von einem ungenannten Privatsammler beigesteuert. Abgerundet wird die Tanning-Ausstellung durch etwa 50 Arbeiten des Malers Stan Appenzeller, der von 1955 bis zum seinem Tod 1980 in Seillans lebte und der Gemeinde über 800 seiner Werke vermachte.
«Birthday» – der Titel der aktuellen Schau ist insofern doppelsinnig, als Tannings bekanntestes Werk eben diesen Namen («Birthday» von 1942) trägt. «Birthday» hieß im Jahr 2000 auch die umfassende Jubiläumsausstellung zu Tannings Neunzigstem im Max-Ernst-Museum in Brühl am Rhein, Ernsts Geburtsstadt. Unter demselben Titel erschien 1986 Tannings Autobiografie, die 1990 bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch herauskam.
«Insomnias» hieß der Film, den Peter Schamoni 1978 über die Amerikanerin drehte. 1991 folgte unter seiner Regie ein Dokumentarfilm über Leben und Werk seines Freundes Max Ernst («Mein Vagabundieren – meine Unruhe»).
Elisabeth Bouchard von der Gemeinde Seillans berichtete der RCZ auf Anfrage, dass «Dorothea heute ständig zurückgezogen in New York lebt». Ihr Gesundheitszustand habe sich offensichtlich verschlechtert: «In Frankreich würde man sagen, elle est très fatiguée.» Ob und wie sie ihren hundertsten Geburstag begehen werde, wisse man in Frankreich nicht.
Nach Informationen des Brühler Ernst-Museums lebt die Künstlerin selbstständig und allein in ihrer New Yorker Wohnung. «Für ihr Alter geht es ihr gut. Sie ist geistig noch voll da», sagte uns Museumssprecherin Anne-Cécile Foulon. Nur: «Sie hasst Geburtstagsfeiern, wie ich von einer von Max Ernsts Nichten erfahren habe.» Geburtstagsgratulationen seien daher ausdrücklich unerwünscht. Auch eine Jubiläumsausstellung in Brühl habe sie zurückgewiesen – allein schon, «weil hier nach ihrer Ansicht ausschließlich Werke von Ernst, aber nicht von ihr gezeigt werden sollten».
Dorothea Tanning, die Seillans im Todesjahr ihres Mannes verließ und über Paris 1980 nach New York zurückkehrte, hatte ihre zweite Heimat Seillans zuletzt 1994 besucht. Laut Elisabeth Bouchard kam sie nicht mit leeren Händen, sondern schenkte dem Ort die Stele «Genie de Bastille», die auf der Place de la République an ihren Schöpfer Max Ernst erinnert. Übrigens verschrieb sich auch Dorothea in Seillans jahrelang der bildhauerischen Arbeit. Sie befasste sich nicht – wie gewohnt – «mit Leinwand und Farben, sondern mit Wollgarn und endlosen Bahnen sinnlicher Tweeds».
Nach dem Tod ihres Mannes zog sie sich in sein Atelier in Paris zurück. In den beiden folgenden Jahren verbrachte sie noch die Sommer in Seillans, ihrem dereinst so «soliden Hafen». Das Dorf aber entließ «mich von Mal zu Mal umwölkter». So sei sie «instinktiv wie eine Brieftaube nach New York heimgekehrt». Tannings schriftliche Lebenserinnerungen enden mit einem letzten Blick auf die «Plage der streunenden Katzen, die sich unverfroren von unseren Hühnern nähren und über die flügelschlagenden menschlichen Verfolger amüsieren».
Ihr Schlusssatz: «Über die Vergangenheit kann man lachen, über die Zukunft, denke ich, nicht.»
Rolf Liffers
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