07.03.2011 0

Menschen: Hinter der Fassade war der Liedermacher zärtlich und verletzlich, sensibel und furchtsam

Gestorben vor 20 Jahren: Serge Gainsbourg

20 Jahre ist der extrovertierte Chansonnier, Komponist, Autor und Filmschauspieler Serge Gainsbourg jetzt tot. RCZ-Autor Rolf Liffers blickt auf den Frauenhelden zurück, den es oft auch nach Südfrankreich geführt hatte.

Serge Gainsbourg
Was ist 20 Jahre nach seinem Tod von Serge Gainsbourg geblieben? fragte sich auch die Regionalzeitung "Var matin". Repro: rl

Viele im Var haben die Bilder sicher noch vor Augen: Serge Gainsbourg mit Jane Birkin und dem gemeinsamen Töchterchen Charlotte sowie der kleinen Kate aus Janes Beziehung zu dem 007-Melodie-Komponisten John Barry Anfang der Siebziger in Ramatuelle, im Sommer 1977 am Tahiti-Beach in Saint-Tropez und 1979 beim Filmfestival in Cannes. Oder Gainsbourg mit Brigitte Bardot (BB) bei der Aufnahme des verspielten Songs "Comic Strip" für die BB-Show, 1982 mit der Schauspielerin und späteren César-Gewinnerin Fanny Cottencon oder – ebenfalls in Saint-Tropez – mit seiner letzten Frau Bambou, Sängerin und übrigens Tochter einer Chinesin und eines deutschen Indochina-Legionärs sowie Enkelin des legendären Stalingrad-Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus, die eigentlich Caroline Paulus hieß. 1984 sah man Gainsbourg in Toulon – an Bord der Fregatte Guepratte, 1985 bei den Dreharbeiten zu dem Kinofilm "Pulpeux" am Strand von Pampelonne. Bis auf den heutigen Tag erzählt man sich die Anekdote, wonach Gainsbourg an der Place de Lices gerade aunahmsweise Mineralwasser trank, als sich Paparazzi näherten, woraufhin er provokativ nach einem "102" (also einem doppelten "Pastis 51") rief, als wolle er seinen Ruf als Trunkenbold festigen.

März 2011: 20 Jahre ist der extrovertierte Chansonnier, Komponist, Autor und Filmschauspieler jetzt tot. Was ist vom ihm geblieben, wollte die Lokalzeitung "var matin" wissen und befragte daher ein paar Weggefährten wie die Bardot ("Wir liebten uns wie verrückt!") , Juliette Gréco ("Beim ‘poinçonneur des lilas’ habe ich geweint") und die global aktive Klubbesitzerin und Sängerin Régine Choukroun (geb. Régina Zilberberg) aus Saint-Tropez, die bis 2004 zwischen Monte-Carlo, Düsseldorf, Rio de Janeiro und New York zahlreiche Schickimicki-Clubs besaß und als Interpretin von Gainsbourgs "Les petits papiers" Erfolge feierte.

Die Antworten waren tendenziell positiv. Es gibt augenscheinlich reichlich viel mehr schöne Erinnerungen an den vielseitigen Künstler, als ein neues Buch von Michel Drucker ahnen lässt.

Mit 63 starb der weltbekannte Pariser Liedermacher, Spross russisch-jüdischer Immigranten, der eigentlich Lucien Ginsburg hieß, nach einem unsoliden Leben. Bei der Revolution von 1919 waren seine Eltern Joseph und Oletchka Ginsburg über Istanbul und Marseille vor dem russischen Bolschewismus nach Paris geflohen. Während des Zweiten Weltkriegs verbargen sich die Ginsburgs auf dem Land. Der kleine Lucien musste den Judenstern tragen und sich zeitweise vor der SS im Wald verstecken.

Seine erste Frau Elisabeth Levitsky, die er 1948 in Paris kennen lernte und 1951 heiratete, machte ihn mit seinem späteren Freund Salvador Dalí bekannt. Lucien begann zu malen, lernte unter anderem bei Fernand Léger. Erst Boris Vian führte ihn an das Chanson heran. 1957 begleitete Gainsburg in verschiedenen Pariser Nachtklubs die aus Toulon stammende Sängerin Michèle Arnaud am Klavier. Während der gemeinsamen Vorstellungen sang sie seine ersten Lieder. 1958 nahm sie einige seiner Chansons auch auf Schallplatte auf und war damit die erste Künstlerin von vielen, die seine Stücke interpretierten.

1965 gewann France Gall mit einer Interpretation seiner Komposition "Poupée de cire, poupée de son" den Eurovision Song Contest 1965. Seinen größten Erfolg als Interpret hatte Gainsbourg jedoch weltweit im Duett mit Jane Birkin – 1969 mit "Je t’aime ... moi non plus". Die Konservativen sprangen im Viereck, und der Vatikan empörte sich über das Lustgestöhne. Den gewagten Titel hatte Gainsbourg zuvor schon mit Brigitte Bardot aufgenommen. "Eines Morgens weckte mich Serge mit den Worten, er habe mir in der vergangenen Nacht dieses Lied geschrieben", erinnerte sich BB auf "La Madrague" an Serges jüngsten Todestag. "Es sei die schönste Liebeserklärung der Welt", habe er gesagt. "Eine grandiose Schamlosigkeit, wie wir beiden fanden. Wir sangen das Duo hinter verschlossenen Türen, ließen uns aber niemals dabei filmen. Schon gar nicht sollte es erscheinen. Denn es hätte sonst ein Drama gegeben – ich war ja schließlich noch mit Gunther Sachs verheiratet." So verschwand das Tonband im Safe des Produzenten Jacques Canetti de Philips. "Trotz des Welterfolgs der Version mit Jane Birkin hat Serge unsere Version später wieder hervorgeholt. Ich finde, es war richtig, dass die Öffentlichkeit erfuhr, dass das Chanson unser gemeinsames Werk war." 1986 erschien diese Aufnahme dann auf einem Sampler.

Gainsbourg verfasste Lieder für Isabelle Adjani, Petula Clark, Dalida, Mireille Darc, Catherine Deneuve, Marianne Faithfull, Michèle Mercier, Nana Mouskouri, Vanessa Paradis, Tochter Charlotte, Juliette Gréco, Jacques Dutronc, Viktor Lazlo, Françoise Hardy, Zizi Jeanmaire und Anna Karina, um nur einige zu nennen. Nach Régines Überzeugung hat Gainsbourg, der trotz all seiner Allüren im Grunde familiär gewesen sei, mit "Les petits papiers" ein unsterbliches Werk geschaffen. So wurde er zu einem der prägendsten Musiker seiner Epoche. Der Mann, der so gern Tabus brach, schrieb Drehbücher und Musik für über vierzig Filme in zum Teil hochprominenter Besetzung.

Ende der siebziger Jahre erfand und vervollkommnete Gainsbourg sein Alter Ego Gainsbarre, den kettenrauchenden Kampftrinker und Nachtclub-König. Er war der Gegenpart des zeitlebens von Selbstzweifeln geprägten Mannes, der "selbst ein Kosmos voller Leid und Angst war", wie sich die Gréco vorige Woche ausdrückte. Gainsbarre ergriff jedoch im Laufe der 1980er-Jahre zunehmend Besitz von Gainsbourg. Mehrfach musste der Alkoholiker im Krankenhaus behandelt werden. Gainsbarre war es auch, der 1984 in einer Talkshow einen 500-Franc-Schein verbrannte und in einer anderen Fernsehsendung der jungen Whitney Houston verbal an die Wäsche ging.

Die Komposition, die Juliette Gréco nach eigenen Worten "sicherlich am meisten" entsprach, war "La javanaise", sagt die Sängerin, die damals nicht weit vom Strand L’Escalet in Ramatuelle ein Haus besaß. Den Durchbruch als Interpret schaffte Gainsbourg mit dem Pop-Album "Initials BB" schon 1968. "Ich hatte mich von Gunther Sachs getrennt, als er mir in meiner Hilflosigkeit zum Trost diesen ergreifenden Titel verehrte, die schönste Liebeserklärung, die mir ein Mann je gemacht hat", schwelgte BB dieser Tage in Saint-Tropez. "Hinter seiner Aggressivität, über die man sich immer das Maul zerriss, war Serge zärtlich und verletzlich."

Seine frühe Vorliebe für klassische Musik verdankte Gainsbourg wahrscheinlich seinem Vater, der sich als Barpianist durchs Leben schlug und dem Jungen oft etwas vorspielte und erklärte, was immer wieder auf sein späteres Werk durchschlug: "Initials BB" fußt im Refrain beispielsweise auf einer Passage aus Antonín Dvořáks Sinfonie “Aus der Neuen Welt”. Das gemeinsam mit Tochter Charlotte gesungene Stück “Lemon Incest” geht auf einer Étude von Chopin zurück. Bis zum Ende seines Lebens gelang es Gainsbourg immer wieder, die unterschiedlichsten musikalischen Stilelemente und -richtungen zu integrieren und kreativ weiter zu entwickeln.

Zwei Jahre nach seinem ersten Herzinfarkt erschien 1975 "Rock around the bunker", ein Song, der sich mit der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen, Gainsbourgs jüdischer Herkunft und seinen Erfahrungen mit der SS auseinandersetzte. 1979 nahm er in Jamaika ein Album mit Bob Marley auf. Seine Reggae-Version der französischen Nationalhymne Marseillaise empfanden viele als Sakrileg. Berühmt wurde sein Auftritt in Straßburg, wo ihn 1980 Fallschirmjäger der französischen Armee hindern wollten, die Marseillaise erneut so respektlos aufzuführen. Also trat Gainsbourg ohne seine Musiker auf und sang das Original mit dem Publikum a cappella.

1984 war Serge Gainsbourg der erste bekannte französische Künstler, der auf einem Album über Homosexualität sang: Der homoerotische Sinn der Platte "Love on the Beat" erschließt sich jedoch erst durch den Gleichklang des englische Worts "Beat" und dem französischen "bite" für "Schwanz".

Im Jahr 2010 kam Joann Sfars Film "Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte" ("vie héroïque") ins Kino. Mit Lucy Gordon als Jane Birkin, Laetitia Casta als BB und Anna Mouglalis als Juliette Gréco folgt er weitgehend Gainsbourgs Spuren, erhebt aber keinen Anspruch auf ein reales Porträt des Künstlers und wartet mit zahlreichen surrealistischen Elementen auf. "Die erste Begegnung zwischen Serge und mir spielte sich in Wirklichkeit ganz anders ab als dort dargestellt", versicherte die Gréco. "Überhaupt zum ersten Mal gesehen habe ich ihn in einem Pariser Klub – allein am Klavier. Das erste wirkliche Treffen fand dann bei mir statt, an der rue de Verneuil, wo auch Serge ein Haus hat, um das sich heute seine Erbin Charlotte kümmert. Jacques Canetti hatte ihn mir geschickt, damit er mir ein paar Lieder vorführte." Wie die erste Begegnung wirklich lief, wolle sie lieber für sich behalten.

Serge Gainsbourg werden zahlreiche Affären mit bekannten Künstlerinnen nachgesagt. Verheiratet war er nur zweimal, hatte aber insgesamt vier Kinder mit drei verschiedenen Frauen (von Francoise-Antoinette Pancrazzi, genannt Beatrice, die älteste Tochter Natacha und Sohn Paul, von Jane Birkin Charlotte und von Bambou Lucien, genannt Lulu). Gainsbourgs Grab auf dem Friedhof Montparnasse in Paris wird bis heute von seinen vielen Anhängern geschmückt – mit Blumen, Gedichten und Bildern, aber auch mit Gitanes-Schachteln, Métro-Fahrkarten (in Anspielung auf sein Lied "Le poinçonneur des lilas") und Whiskey-Gläsern.

Literatur: Tony Frank, Ulrike Lelickens: Serge Gainsbourg. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2010. Sylvie Simmons: Serge Gainsbourg – Für eine Handvoll Gitanes. Heyne Verlag, 2009, ISBN 978-3453406681.

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