31.10.2010 0
Menschen & Lifestyle: Patrice de Colmont über die Geschichte des Club 55, seine Philosophie und die Sorgen um die Zukunft von Pampelonne
Hier ist der Gast ein Freund
Er sitzt mir in Jeans und blauem Hemd gegenüber und erzählt gelassen, mit tiefer Stimme: «Meine Eltern waren Ethnologen aus Thones in der Haute-Savoie und bereisten die ganze Welt. Eines Tages arbeitete mein Vater an einem Film über den Transport von Orangen im Mittelmeerraum. Die Boote waren mit riesigen Mengen Früchten beladen. Als ein starker Mistralwind aufkam, suchten sie in der Bucht von Pampelonne Schutz. Zwei Tage verbrachte mein Vater hier und verliebte sich in den versteckten Strand.»
Der Küstenstreifen war damals, nur wenige Jahre nach Landung der Alliierten, recht unwirtlich, durchsetzt von Bombenresten und Stacheldraht. Doch das konnte Bernard und Geneviève de Colmont nicht davon abhalten, von nun an jedes Jahr mehrere Wochen hier ihre Zelte aufzuschlagen.
Damals war hier die Welt zuende
«Dann machte mein Vater eine kleine Erbschaft», so Patrice, «und ohne meiner Mutter oder irgendjemandem davon etwas zu erzählen, kaufte er dieses Stück Strand.» Bernard de Colmont kam mit der ganzen Familie hierher und verkündete feierlich: «Dies ist unser gelobtes Land.»
Er baute eine Holzhütte mit drei Zimmern, wo die Familie fortan lebte. Strom gab es keinen und Trinkwasser wurde vom Brunnen am Place des Lices geholt. Gelegentliche Besucher wurden bewirtet wie Freunde: eine Gastfreundschaft, wie die Eltern sie auf ihren vielen Reisen an fernen Orten selbst erfahren hatten.
Das war 1953. Zwei Jahre später, Patrice war damals sieben Jahre alt, trudelt ein illustres Filmteam ein und verwandelt Saint-Tropez und seinen Hafen in ein mobiles Filmstudio. Gedreht wird der Film «Und Gott erschuf die Frau» mit Brigitte Bardot und Curd Jürgens. Regisseur Roger Vadim macht sich für die Vorbereitung der nächsten Szenen per Jeep auf den Weg nach Pampelonne, kommt zufälig an der Holzhütte vorbei und sieht die de Colmonts mit Freunden am langen Tisch speisen. «Er dachte, es wäre ein Bistrot», schmunzelt Patrice. Und Vadim fragte Madame de Colmont: «Wir drehen hier drei Wochen, können Sie die Crew verköstigen?» Sie sagte: «Aber selbstverständlich.» «Gut. Wir sind 80 Leute», antwortete Vadim. «Wir hatten hier keine richtige Küche. Doch alle, auch wir Kinder, halfen mit. Das Fleisch wurde im Ofen der Bäckerei in Saint-Tropez zubereitet. Und so haben wir die Herausforderung mit viel Einsatz, Organisationstalent und Charme gelöst», erzählt Patrice stolz.
Brigitte Bardot wurde mit dem Skandalfilm der 1950er-Jahre zum gefeierten Star und kaufte ihren heutigen Wohnsitz «La Madrague» in Saint-Tropez. Die de Colmonts machten aus ihrer privaten Terrasse ein offizielles Restaurant und nannten es, nach dem Gründungsjahr, Club 55. Der Geheimtipp sprach sich wie ein Lauffeuer herum und Schriftsteller, Künstler, Schauspieler und Musiker gehörten von nun an zu den Gästen. Zwei Dinge waren Bernard de Colmont so wichtig, dass er ein Schild am Eingang anbrachte: «Hier kocht nicht der Chef» und «Hier ist der Kunde kein König».
Von der Strandhütte zum Hot-Spot der Côte d’Azur
Dieser Philosophie des Clubs, der sich von einer einfachen Strandhütte zu einem der angesagtesten Etablissements an der Côte d’Azur wandelte, ist Patrice bis heute treu geblieben. Ob Milliardär, Stardesigner oder Stamm- gast: Jeder wird hier gleich behandelt. Mit Gelassenheit und kraft seiner Persönlichkeit steuert der Patron das Treiben. Auch prominenteste Gäste müssen sich gedulden, bis ihnen ein Tisch zugewiesen wird. Sein Credo: «Ob der König von Spanien oder die Verkäuferin aus Saint-Tropez – alle Gäste sind willkommen, das erste Mal. Danach sehen wir weiter … Denn wer sich nicht wie ein Freund zu benehmen weiß, braucht nicht wiederzukommen.»
Umgestaltung von Pampelonne
Welchen Einfluss wird die geplante Umgestaltung des Strandes Pampelonne (siehe Kasten) auf den Club 55 haben? Bei dieser Frage lässt Patrices Gelassenheit spürbar nach. «Die Anwendung des aktuellen Küstenschutzgesetzes (Loi littoral) auf Pampelonne wird den Geist dieses weltweit einzigartigen Strandes und seine besondere Atmosphäre zerstören», sagt der 62-Jährige empört und erklärt das komplexe Thema: «Die bisherige Regelung besagt, dass 30 Prozent des Abschnittes direkt am Strand bebaut sein dürfen und 70 Prozent für die Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Nach der neuen Regelung können nur noch 20 Prozent bewirtschaftetet werden. Doch damit nicht genug: Ist man vorher für die Ermittlung von der gesamten Fläche ausgegangen, rechnet man nun die Dünen ab – mit der Begründung, die Dünen dürfen von der Öffentlichkeit ohnehin nicht betreten werden. Somit bleibt für die Strandbetriebe noch eine Fläche von neun Prozent. Dadurch wird sich die Anzahl der Strandclubs in Pampelonne künftig von 28 auf 22 reduzieren, die verbleibenden müssen ihre Fläche erheblich einschränken.»
Mit dem neuen Schéma d’aménagement ist darüber hinaus geplant, die Lizenzen nicht mehr Jahr für Jahr, sondern längerfristig zu vergeben. «Das wird auch die großen Touristikfirmen anziehen», befürchtet Patrice de Colmont und unterstreicht seinen Unmut: «Ehe ich links einen Pierre & Vacances und rechts einen Club Med neben mir habe, ziehe ich lieber aufs Land und baue Oliven an.»
SSE
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