28.03.2010 0

Menschen: Wie aus dem französischen «Besatzungskind» eines Mainzer Unteroffiziers, 1944 unehelich geboren, nun endlich ein deutscher Staatsbürger wurde

65 Jahre Suche nach dem deutschen Vater

Er ist einer unserer «verlorenen Söhne». Eins jener 200 000 Kinder, die deutsche Besatzungssoldaten zwischen 1940 und 1944 mit französischen Frauen zeugten. Er lebt heute in Menton, im äußersten Zipfel jenes Frankreichs, das seine Jugend mit Verhöhnungen wie «Bastard», «Nazi» und «sale boche» vergiftete. Seelenwunden, die nie vernarbten. Auch nach 65 Jahren nicht. Nun fand er die Spur seines Vaters. Er darf dessen Namen tragen. Er hat einen deutschen Pass. Und er hat endlich in Mainz auch Geschwister, die ihn liebevoll in seine wahre, seine deutsche Familie aufnahmen. Das Leben des Jean-Jacques Delorme-Hoffmann ist ein dramatisches Kapitel französisch-deutscher Zeitgeschichte.

Jean-Jacques Delorme-Hoffmann
«Dreckiger Saudeutscher!» «Nazi!» So nannten ihn die Mitschüler. Kindheit und Jugend von Jean-Jacques Delorme-Hoffmann waren ein Martyrium. Copyright: Andrea Palm

Wir sitzen in einem leeren Café am Strand von Menton. Grau sind Himmel und Meer, grau wie bis vor kurzem das Leben des Mannes war, der uns berichtet. Seine Gesten sind kraftvoll, Jahre des Marathons auf den Spuren seines Vaters haben ihn straff gehalten, obwohl seine Jugend ein Alptraum war.

Nur durch Zufall stieß er auf das verschleierte Geheimnis seiner Herkunft. Die Mutter bringt eine Tochter zur Welt, die Familie feiert, der zwölfjährige Jean-Jacques trägt, zwecks Eintragung der Geburt, das Familienbuch zum Standesamt, sieht den eigenen Eintrag: «An Kindesstatt angenommen». Wie das? Der Mann, den er Vater nennt, ist nicht sein Vater? Daheim stellt er Fragen. Doch die Mutter schweigt. Ebenso der Mann, den sie nach dem Krieg geheiratet hat und dessen Verachtung ihn verfolgt.

Das Familien-Tabu ist in der Kleinstadt Lisieux (im Calvados) kein Geheimnis. In der Schule fetzen Mitschüler: «Sale boche»! «Dreckiger Saudeutscher»! «Nazi»! Verbissen durchleidet Jean-Jacques seine Jugend. Erst mit 22, nach Wehrdienst in der französischen Armee, sucht Jean-Jacques den Augenblick der Wahrheit.

Ausgerechnet bei einem Familienfest. Die Reaktion: Verkrampfte Ratlosigkeit.

Da nimmt die Großmutter ihn in ihr Zimmer. Aus ihrem Wäscheschrank zieht sie einen Umschlag hervor, den sie trotz Anweisung der Mutter nicht verbrannt hat: Fotos eines verliebten Paars. Die Mutter so jung und hübsch, wie er sie nie sah. Und ein schöner, schwarzhaariger Mann, mal mit ihr in deutscher Uniform, mal allein in einem Park. «Das,» sagte die Großmutter, «ist Hans Hoffmann, dein wirklicher Vater!»

So, wie sie es sagt, spürt er, dass auch sie ihn mochte …

«Schon da beschloss ich, nach ihm zu suchen,» sagt Jean-Jacques. «Aber wen würde ich finden? Einen Nazi? Gestapo? SS? Ich wusste ja gar nichts.»

Großmutter tröstete: Nazi war der Vater nicht.

Musiker war er gewesen – im «Großen Sinfonieorchester der Standortkommandantur von Groß-Paris», oft auch unter der «Stabführung» des Operetten-Komponisten Franz Lehar («Die lustige Witwe»).
«Das war Musik für mich!» sagt Jean-Jacques heute, und er kann auch mal lächeln.
Kultur und Liebe

Nach dem Einmarsch in Frankreich 1940 suchten die Deutschen, das Land auch kulturell zu erobern. Deshalb das «Große Sinfonie-Orchester der Standort-Kommandantur». Es spielte oft und gern für ein begeistertes Pariser Publikum. Deshalb Begegnungen deutscher «Kulturschaffender» mit französischen Künstlern, Musikern und Schauspielern.

So fungierte auch der Dichter Ernst Jünger («Stahlgewitter»), der schon den Ersten Weltkrieg erlebt hatte, nunmehr Hauptmann, «zur besonderen Verwendung beim Militärbefehlshaber Frankreich»: Im Offiziershotel Raphaël fraternisierte er mit Kultur-Ikonen wie Celine, Cocteau, Braque, Picasso.

Und ähnlich wie Hauptmann Jünger, wiewohl daheim verheiratet, in Paris ein Verhältnis mit der (halbjüdischen) Ärztin Sophie Ravoux unterhielt, so verliebte sich der Unteroffizier Hans Hoffmann, obwohl in Mainz verehelicht, in eine junge Musikstudentin.

Für die deutschen Besatzer war Paris zunächst, um einen Operettentitel von Hoffmanns Dirigenten Lehár zu zitieren, ein «Land des Lächelns». Der Widerstand schlief noch – aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes. Erst nach Hitlers Angriff auf die UdSSR 1942 entdeckte Frankreichs KP ihre Vaterlandsliebe, und die résistance flammte auf.

«Doch die Liebe meiner Eltern blühte bis zum letztmöglichen Augenblick», weiß Jean-Jacques. Als im Sommer 1944 die Alliierten auf Paris vorrückten, war für die Eroberer endgültig Schluss mit lustig.

Die Sinfoniker wurden der Truppe einverleibt. Im Juli sah sich das Paar zum letzten Mal. Drei Monate später kam Jean-Jacques zur Welt. «Heute,» sagt er, «verstehe ich die Verschlossenheit meiner Mutter. Ihre Mutterschaft muss ein Martyrium gewesen sein.»

Nach der Befreiung verfolgte der Volkshass die «Besatzer-Liebchen». Sie wurden gejagt, bespuckt, geprügelt, kahl geschoren, beschmiert.

«Hexenjagd,» sagt Jean Jacques. «Meine Mutter wurde zu Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt – wegen collaboration horizontale. Weil sie Vater liebte und mir das Leben schenkte.»

Auch an Jean-Jacques, erst von amtlich bestellten Pflegeeltern, dann von der Großmutter aufgezogen, haftete stets das «Bastard»-Etikett. Selbst später im Berufsleben bei der Post. Irgendwann kam es immer heraus. «Sogar Menschen, die ich für Freunde hielt, wandten sich dann ab, feindliche Kälte im Blick. Sogar heute noch.» Er konstatiert es mit bitterer Sachlichkeit.

Auf verwehten Spuren

In Großmutters Souvenir-Mappe fand er das Foto einer Freundin seiner Mutter (auch sie einst eine Soldatenbraut). Er suchte sie auf, hörte die Geschichte einer zauberhaften Romanze, die fast vier Jahre weltvergessen gedauert hatte – und auch, dass Deutschland ein Register ehemaliger Soldaten besitzt. Wie aber ohne jede Sprachkenntnis bundesrepublikanische Ämter durchforsten? Ein Freund in Straßburg half beim Verfassen von Anfragen und Gesuchen. An den Suchdienst des Roten Kreuzes. Ans Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg. An den Volksbund der Deutschen Kriegsgräberfürsorge.

Jedes Mal Warten auf Antwort: Monate, oft ein halbes Jahr.

Anfrage bei der «Zentral-Nachweisstelle» in Aachen, aber die wurde 2005 aufgelöst.

Formulare ausfüllen für die «Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Soldaten der deutschen Wehrmacht», (zum Verwechseln häufig auch «Wehrmachtsauskunftstelle» oder kurz WASt genannt).
Vorzulegen waren: Name, Feldpostnummer, Geburtsort und –datum, letzte Anschrift.

Problem 1: Oma hatte Liebesbrief-Umschläge mit verräterischen Feldpost- und Dienststempeln vernichtet.
Problem 2: Hoffmann, der charmante Ehebrecher, hatte fälschlich stets Frankfurt als Heimatort genannt.
Problem 3: «Wissen Sie, wie viele Hoffmanns es bei uns gibt? Zehntausende!» bekam Jean-Jacques oft zu hören.

Auch die Frage, ob das Pariser Sinfonieorchester überhaupt eine reguläre Wehrmachts-Einheit gewesen sei, blieb lange ungeklärt. Im Zuge seiner geduldigen Recherchen identifizierte er 43 weitere als verschollen gelistete Orchestermusiker.

Das Glück belohnt die Zähen. Im Berliner WASt-Register stößt Jean-Jacques auf die mit einem Franzosen verheiratete Archivarin Cécile. Sie spricht Französisch. Ihr kann er auch vortragen, was in kein knapp zu haltendes Such-Formular passt. Mit Cécile kommt Leben in die Registermappen.

Leben und Tod

Ja, unter zahllosen Hoffmanns taucht endlich ein Musiker und Musiklehrer auf («Trompete, Cello, Laute»).

Doch Hans Hoffmann ist tot. Gefallen bei Ulm, zwei Wochen vor Kriegsende in letzten sinnlosen Gefechten gegen die US-Army, am 25. April 1945. «Da war meine Mutter in Haft und ich ein halbes Jahr alt,» sagt Jean-Jacques.

Und nein: Die Heimatadresse war nicht Frankfurt, sondern Mainz. Cécile riskiert eine Quer-Recherche beim Einwohneramt. Und ja: Dort leben irgendwelche Hoffmanns, Annegret und Dieter. Hans Hoffmanns eheliche Kinder? Darf Jean-Jacques sie besuchen? Er darf.

Dieter und Annegret umarmen den unverhofften Bruder mit einer Herzlichkeit, die Jean-Jacques nie gekannt hat, und kredenzen Pfälzer Wein.

In einem Schrank, hinter Glas, stehen zwei Trompeten-Mundstücke. Erinnerungen an den Vater. Jean-Jacques bekommt eines davon als Geschenk. Jean-Jacques hat Tränen in den Augen.

Man zeigt sich alte Fotos, Annegret und Dieter aus dem Familienalbum, Jean-Jaques aus Omas Mappe. Zwei Fotos sind fast identisch. Beide zeigen den Vater im Wiesbadener Kurpark. Im Familienalbum hat er seine Frau im Arm. Auf Jean-Jacques Foto, das er seiner Mutter gab, steht er allein.

«Da hat er unsere Mutter zur Seite geschickt, um sich für deine Mutter als Junggeselle knipsen zu lassen!» ruft Annegret aus. «Genau so gab er Frankfurt statt Mainz als Adresse an, dieser Täuscher!»

«Tja», lacht Dieter, «unser Papa war ein toller Hecht. Ein Prost auf unseren Papa!»

Dieter hebt das Glas, schlägt Jean-Jacques auf die Schulter, und Annegret umarmt ihn …

So berichtet Jean-Jacques vom Treffen mit Schwester und Bruder. «Da habe ich geheult wie ein kleines Kind.»
Manche Männer müssen 65 Jahre alt werden, bis sie endlich auch einmal vor Glück weinen können …

200 000 vergessene Kinder

Nach Paragraf 1592 in Verbindung mit Paragraf 1600d des BGB kann Ausländern bei Nachweis eines deutschen Vaters die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt werden. Am 17. Dezember 2009 erhielt Jean-Jacques im Deutschen Generalkonsulat Marseille seine deutsche Staatsbürger-Urkunde und seinen deutschen Reisepass. Er heißt jetzt Delorme-Hoffmann.

Allein in Frankreich wird die Zahl der deutschstämmigen Besatzungskinder auf 200.000 geschätzt (in Europa 800.000 insgesamt). Fast alle haben zumindest eine Kindheit voller Ausgrenzungen erlebt. Für seine Leidensgenossen gründete Jean-Jacques Delors-Hoffmann die Vereinigung «Herzen ohne Grenzen». Er sagt: «18 haben bereits ihre deutsche Staatsangehörigkeit erlangt, 70 weitere haben Anträge gestellt. Alle in meinem Alter. An ihrem Lebensabend.»

Von unserem Café in Menton sehen wir jetzt einen Streifen Sonne im Grau da draußen. Abendsonne. Auch ihr bisschen Wärme ist noch willkommen.

Rolf Palm

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