03.05.2011 0

Menschen & Lifestyle: Das Modefestival in Hyères: „Charmante Tyrannei“ in der „Salzwüste“ von Pesquiers

Junge Mode trifft auf alte Salinen

Wer in der weiten Welt der Mode oder Fotografie Karriere machen will, weiß inzwischen, wo „die Musik“ spielt: Er bewirbt sich um die Teilnahme am internationalen „Festival de la Mode et de la Photographie“ in Hyères-les-Palmiers, das mittlerweile als einigermaßen zielsichere Startrampe zum beruflichen Steigflug gilt. Und wer schon Erfolg und folglich etwas zu sagen hat in der Haute Couture, ist ebenfalls gut beraten, sich in Hyères einzubringen, sofern er nicht den Anschluss verpassen will.

Mode von Lea Peckre
Mit ihren durchsichtigen Nonnen überzeugte Léa Peckre die Jury unter Vorsitz des Kreativdirektors von Jil Sander, Raf Simons. Foto Rolf Liffers

20 Nachwuchstalente - zehn junge Modestylisten und zehn Fotografen - bestritten bis Anfang dieser Woche das 26. Festival in und um das Kunstzentrum Villa Noailles. Sie wurden nach mehreren Auswahlverfahren eingeladen, sich mit ihren Kollektionen und Bildern zu den Endausscheidungen im Var einzufinden. Insgesamt wurden rund 1.060 Bewerbern aus 14 Ländern gesichtet.

Nach dem dritten großen Modedefilé in einem bewusst gewählten, schmucklosen alten Hangar von Les Salins des Pesquiers/La Capte stand fest: Unter den Preisträgern waren diesmal keine Deutschen. Allein aber bis hierher vorzudringen war mehr als eine Ehre, fanden Michael Kampe (www.notjustalable.com/kampe) und Janosch Mallwitz (www.last-service.de). Die Auszeichnungen gingen allesamt an „frenchies“: Den mit 15 000 Euro dotierten Grand Prix der Jury von L´Oréal verbunden mit der zusätzlichen Kostenübernahme für eine eigene neue Frühling-Sommer-Präsentation in Hyéres 2012 gewann Léa Peckre mit ihren „durchsichtigen Nonnen“ (www.leapeckre.tumblr.com).


Einen Doppelerfolg konnte gar Céline Méteil (www.celinemeteil.com) mit sehr viel filigranem Weiß verbuchen: Sie erhielt den wichtigen Preis des Publikums und den „Prix Première Vision“ (10 000 Euro) - der Stoffhersteller gehört neben L´Oréal professionell , Chloé, LVHM (Moët Hennessy, Louis Vuitton), Camper und Swarovski zu den wichtigsten Festivalsponsoren.

Bei den Fotografen immerhin siegte Anouk Kruithof, eine 1981 in den Niederlanden geborene und in Berlin lebende Künstlerin. In der Villa Noailles begeisterten außerdem die Bilder des Berliners Erwin Blumenfeld (1897-1969). Der Fotograf deutsch-jüdischer Herkunft war in den 1940-er und 1950-er Jahren einer der weltweit gefragtesten Porträt- und Modespezialisten. Und auch ein dritter Berliner erhielt viel Beifall:
Norman Palm - für die Musik seines gleichnamigen Trios.

Präsident der Jury war in diesem Jahr der 43-jährige belgische Designer Raf Simons, seit 2005 Kreativdirektor von Jil Sander. Er trat damit in die Fußstapfen anderer bekannter Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld, Christian Lacroix, Jean Paul Gaultier, John Galliano, Azzedine Alaia und Riccardo Tisci (Givenchy).

Ein Aufgebot von mehreren hundert Journalisten war zur Endrunde in Hyères eingefallen. Nach einem Vierteljahrhundert ist das Festival also nicht nur im Bewußtsein der globalen Modewelt angekommen, die hier einen Seismografen für die neustens Trends gefunden hat, sondern auch bei der internationalen Presse, wovon sich das ehrgeizige Hyères auch einiges für die eigene Fremdenverkehrswerbung verspricht. Die freien Plätze bei den jeweiligen Defilés waren allesamt ausverkauft, und es wurde vielfach beklagt, warum es für einfache Leute keine größeren Kartenkontingente gibt. Die Laufstege werden jetzt wieder abgebaut, aber ganz vorbei ist das Festival noch nicht: Zumindest alle Ausstellungen - auch die von Raf Simons - in der Villa Noailles und im Templerturm (Altstadt Hyéres) werden noch bis zum Monatsende zu sehen sein (Eintritt frei).

Mit dem Erfolg des 26. Festivals bestätigte sich in diesem Jahr einmal mehr die Richtigkeit der Grundidee, als der legendären Villa Noailles Mitte nach langem Leerstand und starker Verwahrlosung neues Leben eingehaucht werden sollte. Jedenfalls knüpft die Programmpolitik des Hauses an die Intentionen ihrer einstigen, aristokratischen Hausherren (Charles und Marie-Laure de Noailles) an, den künstlerischen Nachwuchs zu fördern und mit der Welt der Sammler und Mäzene in Verbindung zu bringen. Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Noailles ihr Haus in Hyères regelmäßig jungen Talenten zur kreativen Einkehr und Selbstentfaltung ohne materiellen Druck zu Verfügung gestellt - darunter Maler, Bildhauer, Regisseure, Fotografen wie Dali, Giacometti, Buñuel, Cocteau und Man Ray. Seit Mitte der achtziger jahre ist die zwischen 1923 und 1933 von Robert Mallet-Stevens entworfene avantgardistische Villa mit ihrem berühmten, kubistisch angehauchten Park von Gabriel Guévrékian Kulturzentrum mit weiteren Schwerpunkten in den Sparten Design und Architektur, die das Haus zu anderen Jahreszeiten beherrschen.

Inzwischen haben unter der Ägide von Jean-Pierre Blanc 300 junge Mode-Designer in Hyères ihre jeweils erste Kollektion vorgestellt. 80 innovative Fotografen konnten dort ausstellen. Jahr für Jahr kommen mehr „Trendwatcher“ in die Noailles: Unternehmer, Galeristen, Vertreter von Textilverbänden und Einkäufer von Warenhäusern, Museumsdirektoren, Medienexperten. Die sieben jungen Stylistinnen und ihre drei männlichen Konkurrenten aus insgesamt sechs Ländern, die aktuell am Hyères-Festival teilnahmen, haben also eine gute Chance entdeckt zu werden. Und wenn nicht schon sofort - weil sie (noch) keine profitablen Kontakte, keine materielle oder logistische Unterstützung haben in einer Zeit, die vom Markt, von den Preisen und damit von industriellen Produkten geprägt ist - können sie sich mit dem weisen Lagerfeld trösten: „Der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode."

Rolf Liffers

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