30.12.2009 1
Menschen: Gespräch mit Pianisten-Legende Josef Bulva
Mann mit geheimnisvoller Aura
Der Mann ohne Eigenschaften – Robert Musils einflussreichster Roman des vergangenen Jahrhunderts steht auf dem obersten Regal der umfangreichen Bibliothek. Sie gehört einem Mann mit so vielen Eigenschaften, dass ein einziges Interview der facettenreichen Persönlichkeit schwerlich gerecht werden kann.
Ich sitze mit der tschechischen Pianisten-Legende Josef Bulva im 30. Stockwerk hoch über Monaco. Dunkelblau ist die beherrschende Farbe des Apartments, Bücher bis an die Decke, intuitiv ausgewählte Kunst an den Wänden. Von Computer keine Spur. Mein Gastgeber scheint über einen ausgeprägten Ordnungssinn zu verfügen, jedes Objekt hat seinen präzisen Platz. Wie das schwarz gelackte Klavier, das fast drohend im Raum steht.
Das Katastrophen-Jahr
Ich war Bulva schon mehrfach bei Einladungen in und um Monaco begegnet: ganz Gentleman, elegant, distinguiert. Rätselhaft, reserviert, ein wenig arrogant. Melancholisch.
Seit 1996 lebt der heute 66-jährige Musiker im Fürstentum. 1996, das Katastrophenjahr: Glasscherben verletzen seine Hand so schwer, dass er nicht mehr Klavier spielen kann. «Wäre damals meine Mutter nicht gewesen – ich hätte mich umgebracht», sagt er. «Sechs Jahre habe ich danach gebraucht, um mich menschlich zu stabi-lisieren.»
Er macht Monaco zu seinem Domizil, ohne ein Wort Französisch zu sprechen: «Hier musste ich mich nicht beweisen. Als bedeutender Pianist hatte ich in den 80er-Jahren Angebote aus Monaco hochnäsig abgelehnt. Heute verwalte ich hier die Konsequenzen meines Lebens.»
Wenn Leute den kleinen Staat kritisieren, antwortet er ihnen: «Mit Monaco verhält es sich wie mit einer Münze: Ihre Kehrseite kann man nur dann interpretieren, wenn ihre Kehrseite glänzt.» Dann verweist er auf «international anerkannte Institutionen und Kunstensembles, die Oper, die Philharmonie, Ausstellungssäle für kulturelle Veranstaltungen und hohe Lebensqualität, was – einzigartig auf dieser Erde – für nur 36 000 Menschen auf zwei Quadratkilometern komprimiert ist». Ihm gefällt auch der hier noch herrschende «Rest von viktorianischem Miteinander». Allerdings «werde ich aufgrund eigener Erfahrung jemandem, dessen hiesiges Dasein nur durch die carte de résidents fundiert ist, nicht zu dem Versuch raten, die Gerechtigkeit gerecht durchzusetzen».
Seltsam, diese Worte aus dem Mund eines Mannes, dessen zweite Lebenshälfte vor allem aus Kämpfen bestand. Am Anfang seines Lebens aber wich ihm das Glück nicht von der Seite, wenn man das Dasein als Wunderkind als «Glück» bezeichnen kann. Mit neun stand für ihn fest: «Ich werde ein Klavier-Virtuose.» Der tschechoslowakische Staat nutzte Josefs Talent als Beweis der Doktrin, dass hochbegabte Kinder aus dem «sozialistischen System» heraus entstehen können.
Er bekam einen Pflegevater, wurde von seiner Familie entfernt und mit dreizehn von der Schulpflicht befreit. Mit 21 Jahren dann ernannte man ihn zum Staats-Solisten: «Dadurch hatte ich unvorstellbar viel Macht, alles wurde verziehen, alles war erlaubt.» Josef Bulva entwickelte sich zum «spirituellen Mittelpunkt des Kulturlebens in der Slowakei». Kaum einer gestaltete den Werdegang des Musiklebens seiner Heimat mehr als er.
Und dennoch: «Trotz Schloss und Datscha fühlte ich mich im Sozialismus nicht mehr wohl. «Ich wollte mich nicht vor die Interessen der Russen spannen lassen», sagt er heute.
1972 beantragte der knapp Dreißigjährige während einer Deutschland-Tournee politisches Asyl in der Bundesrepublik. Zwar sprach er zunächst kein Wort Deutsch, doch wurde er schon bald zum Mittelpunkt der Münchner Musikszene.
In einem Flügel geboren?
In einer Festschrift anlässlich seines 60. Geburtstages schreibt der Wiener Malerfürst Ernst Fuchs zum «Phänomen» Bulva jener Zeit: «In München gab es noch den Salon ... und den Gesellschaftslöwen. Eifersüchtig beäugtes Vorbild des Know-how in Kleidung und Erscheinung ... Einer übertraf sie alle, vom Scheitel bis zur Sohle – Josef Bulva, der gefeierte Pianist ... Bulva ist die Verkörperung des spiegelblanken Konzertflügels bester Provenienz und bietet ad personam die Ästhetik seines Instrumentes ... Oft frage ich mich, ob es durch immerwährende Beobachtung einer seinem Berufsstand eigenen Disziplin zustande kam oder angeboren ist. Heute entscheide ich mich für Letzteres und meine, dass er wie Franz Liszt in einem Flügel zur Welt kam.
Josef Bulva polarisiert
Der renommierte Journalist Uwe Zimmer analysiert seine Begegnung mit Bulva so: «Als ich ihn zum ersten Mal traf, saß ich einem selbstbewussten Künstler gegenüber und einem Menschen mit geheim-nisvoller Aura. Josef Bulva polarisiert ... Man kann ihn lieben und zum Teufel wünschen.»
Autovermieter Erich Sixt sieht seinen Freund auch unter einem anderen Aspekt: «Er ist ein überragender Weinkenner. Ein Restaurant-Besuch mit einem Gourmet wie ihm gerät zu einem sinnlichen Erlebnis. Aber nichts schätze ich an ihm mehr als seine Liebe zu den Menschen».
Zurück zu dem Comeback-Gerücht. Wie steht es damit, Herr Bulva? «Ich habe in meinem Leben alles dem Interpretieren von Musik untergeordnet; kerkerte mich mit meinem Steinway-Flügel ein und spielte vor 20 000 Personen in der Arena von Verona. All das soll für immer zu Ende sein?» Er wirkt wieder melancholisch. Aber gar nicht arrogant.
Petra Hall
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Kommentare
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Kommentar von Katrin Nagel | 31.12.2009
Ich weiß nicht mehr genau wo ich es gelesen habe, aber wenn ich mich recht erinnere ist das Comeback bereits Ende November in München geglückt.
Bravo Herr Bulva!
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