22.08.2010 0

Monaco: Die deutsche Stargeigerin Julia Fischer ist Monacos Saisongast. Ein Exklusiv-Interview

Sie verzaubert einfach alle!

Stolz präsentierte das Philharmonieorchester Monte-Carlo sein Programm für die nächste Saison. Ein ganz besonderes Highlight: Erstmalig ist ein «Artist in Residence» im Fürstentum zu Gast, die deutsche Star-Violinistin Julia Fischer. Sie wird gemeinsam mit dem Orchester Konzerte geben, auf Tournee gehen sowie eine CD einspielen. Im Exklusiv-Interview sprach RCZ-Redakteurin Silke Seehars mit Julia Fischer (27) über ihre Zusammenarbeit mit Orchesterchef Yakov Kreizberg, die Menschen, die sie musikalisch geprägt haben, und ihre Zukunftsträume.

Julia Fischer
In ihrer Heimatstadt Gauting bei München hat Julia Fischer seit 2006 ein eigenes Festival. Copyright: Decca, Uwe Arens

Ich habe mich sehr gefreut, als ich gebeten wurde, ‘Artist in Residence’ in Monaco zu sein», strahlt Julia Fischer. «Man kann eine Arbeit auf einem anderen Niveau beginnen. Ich habe schon einige Male in Monaco gespielt und kenne das Orchester recht gut.» Der jungen Weltklasse-Geigerin ist die Region schon von Kindesbeinen an vertraut: «Meinen ersten Urlaub habe ich als Dreijährige in Cannes verbracht. Doch auch später bin ich noch mal nach Nizza gekommen.»

Bilderbuchkarriere
Julia Fischer hat eine rasante Laufbahn absolviert. Mit drei Jahren begann die Tochter einer slowakischen Pianistin und eines Mathematikers Geige zu üben, mit neun nahm sie das Violinstudium auf und mit zwölf spielte sie im Duett mit Yehudi Menuhin. In den folgenden Jahren erschloss sie sich die schwersten Solosonaten der Welt. Mit 23 wurde sie als wohl jüngste Professorin Deutschlands an die Hochschule Frankfurt berufen und gehört heute zu den weltweit gefragtesten Musikern ihres Instruments. Ihre Vielseitigkeit stellte sie 2008 abermals unter Beweis, als sie in der alten Oper Frankfurt ihr Debüt als Pianistin mit Griegs Klavierkonzert gab und im Anschluss noch ein Violinenkonzert von Saint-Saëns spielte.

Yakov Kreizberg – professionell und warmherzig
Was schätzt sie an der Zusammenarbeit mit Yakov Kreizberg, dem Chef von Monacos Philharmonieorchester? «Er ist ein unglaublicher Musiker, sehr professionell und warmherzig. Es macht mir Spaß, mit ihm zu arbeiten, weil er sich viel Zeit nimmt. Es gibt Dirigenten, die denken mehr an ihre Symphonie und zwischendurch darf der Solist dann mal spielen, das ist bei Yakov nicht so. Er nimmt Solisten genauso ernst wie seine eigenen Projekte», sagt die Musikerin. «Doch es gibt auch mal die eine oder andere Differenz», ergänzt sie schmunzelnd. «Wir diskutieren dann lange und ausgiebig. Dennoch sind unsere prinzipiellen Vorstellungen und die Mischung aus intellektuellem und emotionalem Zugang zur Musik gleich. Das macht die Arbeit mit ihm so unglaublich angenehm.»

Musikalische Ziehväter
Welche Menschen haben Julia Fischer auf ihrem musikalischen Weg besonders geprägt? «Vor allem die Dirigenten», so das musikalische Ausnahmetalent. «Lorin Maazel war der erste große Orchesterchef, der mit mir gearbeitet hat. Damals war ich dreizehn und noch sehr beeinflussbar. In den rund acht Jahren unserer Zusammenarbeit hatten wir mindestens zwei Projekte pro Saison. Was ich von ihm vor allem gelernt habe, ist Professionalität. Es ist faszinierend, wie er eine Partitur beherrscht. Er kennt wirklich jede Stimme, jeden Einsatz, jede Dynamik – jedes kleinste Detail ist in seinem Kopf. Manchmal fragte Lorin mich mitten in der Probe: ‚Hast du gehört, was jetzt bei den Bläsern falsch war?’ Damit wollte er mir zeigen, dass auch ich als Solistin Verantwortung für das Orchester habe.»

Der amerikanische Stardirigent war es auch, der Marek Janowski bat, Julia Fischer anzuhören. Nachdenklich erzählt sie: «Janowski ist der Dirigent, mit dem ich wohl bisher die meisten Konzerte gespielt habe. Er hat wirklich ein unglaublich großes Repertoire. Als ich siebzehn war, bestand er darauf, Alban Berg mit mir zu spielen, was für mich damals weit weg von meinen musikalischen Vorstellungen war. Janowski hat sehr darauf geachtet, dass ich mein Repertoire weiterentwickelte.»

Über den Einfluss von Monacos Chefdirigenten sagt Julia Fischer: «Mit Yakov Kreizberg fing ich erst mit 20 an zu arbeiten. Mit ihm habe ich alle meine CDs gemacht und ein großes Repertoire erarbeitet. Yakov ist wahrscheinlich der strengste Dirigent mit Solisten, er ist sehr schwer zufriedenzustellen. Er hat einen hohen musikalischen Anspruch, auch an sich selbst, und ist immer auf der Suche nach besseren Lösungen.»

Etwas ganz anderes macht ihre Zusammenarbeit mit David Zinman (Chef des Tonhalle-Orchesters Zürich) aus. Die Künstlerin schwärmt: «Für ihn ist Musik keine Arbeit, sondern pure Freude. Er genießt es, auf der Bühne zu stehen, sieht sich nicht als Chef, sondern als Teil des Orchesters. Sein Bestreben ist nicht Perfektion, sondern Menschen zu erreichen, sie glücklich zu machen. Durch ihn habe ich eine ganz andere Seite kennen gelernt.»

Schließlich erwähnt sie den Chefdirigenten des Sankt-Petersburger Philharmonieorchesters: «Mit Yuri Temirkanov habe ich zwar zwanzig bis dreißig Konzerte gegeben, aber nur zwei verschiedene Violinenkonzerte. Bei seiner außergewöhnlichen Begabung passiert ihm nie ein Fehler. Für ihn ist alles leicht, er steht so über der Sache und ist gleichzeitig unfassbar streng zu seinem Orchester.»

Zukunftsträume
Mit wem würde sie außerdem noch gerne spielen? «Ich habe keinen bestimmten Traum, aber viele musikalische Ideen, deren Umsetzung in meiner Hand liegt. Ich spiele wahnsinnig gerne Kammermusik, möchte irgendwann ein Quartett haben, also ein festes Ensemble, in dem man über einen längeren Zeitraum hinweg miteinander arbeitet und es gemeinsam entwickelt.»

Trotz Bilderbuchkarriere hat die Mutter eines knapp einjährigen Sohnes Bodenhaftung bewahrt. «Sicher könnte ich auch als Single in New York leben, doch ich hatte schon immer eine enge Verbindung zu meiner Familie. Mein Bruder ist Ingenieur, mein Mann Journalist. Ich bin von Nicht-Musikern umgeben, dadurch bekommt man auch einen anderen Blick auf den Beruf. Natürlich ist Musik für mich das Höchste der Gefühle! Es ist unsagbar schön, auf der Bühne zu stehen und mit einem tollen Orchester und Dirigenten Beethoven zu spielen. Aber es gibt auch noch andere Dinge auf der Welt.»

Silke Seehars

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