20.04.2010 0

Provence & Côte d'Azur: Die Situation der Kläranlagen an der Côte d’Azur und in Ligurien ist zum Teil dramatisch

Abwasser: Jetzt macht Europa noch mehr Druck

Die Badesaison steht vor der Tür. Doch wie sieht es eigentlich mit den Kläranlagen zwischen Genua und Saint-Tropez aus? Unglaublich, aber wahr: Zahlreiche Gemeinden und Städteverbände in einer der wichtigsten Tourismusregionen der Welt sind immer noch nicht im Einklang mit den EU-Richtlinien!

Kläranlage Menton
Die Stadt Menton an der italienischen Grenze gehört zu den Musterschülern, was Kläranlagen an der Côte d’Azur betrifft. 6,4 Millionen Euro wurden in die Station investiert, die bis Ende des Jahres fertiggestellt sein soll.

Bedrohlich rückt es näher, das Jahr 2015. Lägst hat die europäische Union bestimmt, dass die Mitgliedsstaaten bis zu diesem Zeitpunkt einen guten ökologischen Zustand aller Gewässer erreicht haben müssen. Demnach hätten im Jahr 2000 sämtliche Gemeinden mit über 15 000 Einwohnern und 2005 alle kleineren Orte die europäischen Qualitätsanforderungen erfüllen müssen. 2007 jedoch entsprachen in Frankreich 147 Kläranlagen nicht den Standards!

Nach neuesten Untersuchungen sind heute laut Ökologie-Staatssekretärin Chantal Jouanno immer noch 53 Städte nicht auf dem gewünschten Niveau, allerdings arbeiten 41 kräftig daran, die Verspätung endlich aufzuholen.

Insgesamt 500 Millionen Euro seien notwendig, um den ersehnten Persilschein zu erlangen.

Die EU spricht hingegen von 64 Nachzüglern in Frankreich. Das Brüsseler Ultimatum und eventuelle Sanktionen scheinen nun doch eine Wirkung auf die Nachzügler auszuüben. Und die sind besonders stark in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, PACA, und auf Korsika vertreten. In den Alpes-Maritimes sind zurzeit die größten Sorgenkinder Roquebrune-Cap-Martin und Cannes, wie das Lokalblatt nice-matin berichtet. Roquebrune-Cap-Martin arbeitet nun aber seit März an einem 19-Millionen-Projekt, das 2012 fertiggestellt sein und das Qualitätslabel HQE für hohe Umweltqualität erhalten soll.

Auch Cannes scheint in letzter Minute die EU-Normen zu erfüllen. Acht Jahre hatte das Hickhack zwischen den acht angegliederten Gemeinden gedauert, um eine Entscheidung für den Umbau der vorhandenen Anlage herbeizuführen, die weit entfernt von den europäischen Richtlinien ist. Erst seitdem der Staat eingegriffen hat, steht nun fest: Für 77 Millionen Euro wird Cannes und den umgebenden Städten wie Mandelieu-La Napoule ab 2012 reines Wasser beschert.

Eine 20 Millionen Euro schwere Vorzeigeanlage verspricht der Städteverbund Nice Côte d’Azur. Das wird auch Zeit. Seit einem Jahr wird daran gearbeitet, die Abwässer von Villefranche, Beaulieu, Eze und Saint-Jean-Cap-Ferrat nicht mehr wie bisher in 70 Metern Tiefe einfach ins Meer zu leiten. Die Rohre der verschiedenen Städte sollen bis zum Sommer mit der Nizzarder Zentrale Haliotis verbunden werden.

Auch im Departement Var gibt es noch viel zu tun

Das Schlusslicht in Sachen Kläranlagen bilden offensichtlich der Städteverband Le Lavandou - Bormes-les-Mimosas. Das 17-Millionen-Projekt hätte im Frühjahr 2010 fertig sein sollen. Aus administrativen Gründen sprach die Präfektur ihr Veto aus, der voraussichtliche Abschluss der Arbeiten erfolgt nun bis zum Sommer 2011. Die Anlage ist für 100.000 Personen konzipiert und müsste so die steigende Bevölkerungszahl in der Hauptsaison und die demografische Entwicklung der kommenden 30 Jahre abdecken. Wie alle anderen Nachzügler kommen auch Le Lavandou - Bormes-les-Mimosas nicht in den Genuss von institutionellen Zuschüssen, die immerhin bis zu 220.000 Euro für die «Braven» brachten.

Auch für Touristenorte wie Fréjus, Saint-Raphaël und Agay sind normengerechte Kläranlagen von vitaler Bedeutung.
Agay entspricht seit kurzem den umweltfreundlichen EU-Ansprüchen, die Kapazität der Anlage wurde von 25 000 auf rund 46 000 Menschen aufgestockt. Kostenpunkt: 7,8 Millionen Euro. Auch in Fréjus werden die Abwässer bis Ende des Jahres biologisch behandelt, die Investition beträgt 24 Millionen Euro. 350.000 Personen werden dann versorgt, vorher waren es 166.000.

Saint-Tropez schließlich hat seine neue Kläranlage im November letzten Jahres ihrer Bestimmung übergeben (RCZ berichtete). 1200 Kubikmeter werden innerhalb einer Stunde nach den neuesten Bestimmungen gefiltert. Dank eines biologischen Prozesses werden die Bakterien eliminiert. Im September werden die 15 Millionen Euro teuren Arbeiten endgültig abgeschlossen sein.              

Und wie sieht es in Ligurien aus?

Auch in Italien gibt es noch viel zu tun, um die EU-Normen für Kläranlagen bis 2015 zu erfüllen und damit das Mittelmeer nachhaltig zu entlasten. 2009 waren nur 75 Prozent des Bedarfs in Ligurien gedeckt, von der Modernisierung der vorhandenen Anlagen ganz zu schweigen.

Geplant sind sie bereits seit zwanzig Jahren: Neubau und Verdoppelung der Kapazität der Kläranlage in Imperia und die damit verbundene Anbindung der Gemeinden im Golf von Diano (s. RCZ 02/10). Unter ökologischen Gesichtspunkten eine dramatische Verzögerung! Galgenhumor zeigte Claudio Scajola, Minister für wirtschaftliche Entwicklung, kürzlich anlässlich einer Ortsbegehung des Rohbaus. Das lange Warten auf die Fertigstellung habe immerhin den neuesten technischen Stand der Anlage möglich gemacht, sagte er. Und sie gehöre nicht zu den teuersten ihrer Art, ergänzte Chefingenieur Giuseppe Enrico. Dass die Gesamtkosten von fast 34 Millionen Euro erheblich höher sind als geplant, die Bauzeit bereits mehr als zehn Jahre beträgt und die endgültige Inbetriebnahme nicht vor Mitte 2011 zu erwarten ist, erscheint nebensächlich.

Dafür aber wartete der Minister mit einer neuen Idee auf, nämlich dem Klärwerk zur zukünftigen Kostendämmung eine Fotovoltaikanlage zur eigenen Stromerzeugung aufs Dach zu setzen.

Ein erfreulicheres Bild lässt sich hingegen von den rechtzeitig fertiggestellten Arbeiten in der Provinz Savona zeichnen. Dort ist es gelungen, das Problem der mangelhaften Wasserentsorgung unter Verwendung von fast elf Millionen Euro aus Finanzmitteln der EU sowie der Region Ligurien durch eine Erweiterung der Kläranlage von Savona zu lösen. Zuerst wurden Finale Ligure und Varazze angegliedert, wenige Monate später dann auch Borghetto Santo Spirito, Balestrino, Boissano, Borgio Verezzi, Borghetto Santo Spirito, Ceriale, Loano, Pietra Ligure und Toirano.

In der Provinz Genua war man zu noch schnellerem Handeln gezwungen: Nach Bekanntgabe alarmierender Zahlen im Jahre 2009 ist in weniger als 150 Tagen und dank EU-Geldern auf dem Gelände der ehemaligen Chromhütte in Cogoleto eine moderne Wasseraufbereitungsanlage entstanden. Sie wurde unter dem Namen ECO 1 im Januar in Betrieb genommen.

Das Klärwerk war zur speziellen Reinigung des mit hohem Chromgehalt verseuchten Wassers nötig geworden. Die Stadt Genua verfügt insgesamt über acht Kläranlagen.

ph/rbr

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