21.02.2012 0
Provence & Côte d’Azur: Überraschender Erfolg der „Künstlichen Riffs“ vor der Küste Marseilles
Die Rückkehr der Fische
Marseilles Innenstadt gleicht seit Jahren einer Großbaustelle: Ganze Straßenzüge werden restauriert, Autobahntunnel gegraben, Museen gebaut und – demnächst – wird der Alte Hafen neu gepflastert. Kaum eine Woche vergeht, an dem nicht ein Gebäude eingeweiht, ein Grundstein gelegt oder ein erster Spatenstich getan wird. Die Stadt bereitet sich auf ihre Rolle als Europäische Kulturhauptstadt 2013 vor. Ungleich stiller war es um ein anderes Großprojekt, das nur wenige Kilometer vom Alten Hafen entfernt zwischen dem Strand „Prado“ und der Inselgruppe Frioul verwirklicht wurde: die „Opération Récifs Prado“.
Und doch ist es eine kleine Revolution, die sich da in dreißig Metern Tiefe abspielt. „Als wir im Jahr 2007 begonnen haben, war da nichts außer dem Sand auf dem Meeresgrund“, erinnert sich Didier Reault, als Mitglied des Stadtrats verantwortlich für die Schifffahrt und die Strände Marseilles. Dann sanken sie nach und nach auf den Meeresgrund: 400 Betonriffs, verschieden groß und unterschiedlich geformt, einige mit tönernen Vasen oder Austernmuscheln ausgestattet, andere mit natürlichen Felsbrocken. Als im Juli 2008 das letzte Riff versenkt war, hieß es für die beteiligten Wissenschaftler erst einmal: abwarten.
Sie hatten den Standort für ihr „Bauprogramm“ mit Bedacht gewählt: Die Prado-Bucht an der Küste Marseilles wird nicht nur durch die Inselgruppe Frioul vor allzu starker Brandung geschützt, sondern befindet sich auch in unmittelbarer Nähe der Calanques und ihrer artenreichen Felsbuchten. Von dort sollte die Besiedelung des „Neubaugebiets“ erfolgen. Die Hoffnung der Initiatoren des Projekts sollte nicht enttäuscht werden. Ja mehr noch: „Die künstlichen Riffs wurden von den Pflanzen und Tieren viel schneller angenommen, als sich das die Wissenschaftler erhofft hatten“, erklärte Emilia Medioni bei einem Informationstag im Parc du XXVIe centenaire in Marseille, bei dem eine erste wissenschaftliche Bilanz des Projekts gezogen wurde.
Wie die Ingenieurin des Meeres- und Stranddienstes der Stadt Marseille weiter mitteilte, seien in dem Gebiet nach nur drei Jahren mehr als 170 Arten nachgewiesen worden, allein im Jahr 2011 hätten sich 36 neue Arten in den künstlichen Riffs niedergelassen. „Praktisch alle einheimischen Arten sind vertreten.“ Auch Medioni ist von dem schnellen Erfolg der Operation überrascht: „Die Natur ist einfach sagenhaft!“ Allerdings hat sie durchaus eine wissenschaftliche Erklärung für die Beliebtheit der Betonbehausungen: Deren ausgetüftelte Vielfalt, die auf die Bedürfnisse der unterschiedlichsten Arten ausgerichtet ist, mache die künstlichen Riffs attraktiver als ihre natürlichen Nachbarn, sozusagen zu einer Art Fünf-Sterne-Hotel.
Die Errichtung dieser Luxusanlage war entsprechend teuer: Insgesamt sechs Millionen Euro ließen sich die Stadt Marseille, die Region PACA, die Agence de l'eau Rhône-Méditerranée et Corse sowie die Europäische Union das Projekt kosten. „Es war viel Überzeugungsarbeit nötig, um die Menschen vom Sinn dieser Investition zu überzeugen“, sagte Stadtrat Didier Reault. Schließlich gehört Marseille nicht eben zu den reichen Städten Frankreichs, dafür zu denen mit den größten sozialen Problemen.
Allerdings könnte das Meer diese Investition bald zurückzahlen: Wie Ingenieurin Emilia Medioni mitteilte, seien unter den 170 festgestellten Arten auch die 15 für die den Fischfang bedeutendsten. Sarde, Goldbrasse und andere mehr bevölkern wieder die Prado-Bucht. Auch wenn dort das Tauchen sowie der Fischfang verboten ist, dürften Marseilles Fischer von dem neu entstandenen Ökosystem profitieren, sobald die Fische in andere Küstenbereiche ausschwärmen.
Die Prado-Bucht selbst wird auch in Zukunft ein behüteter Ort für Flora und Fauna bleiben. Die wissenschaftliche Überwachung des Gebiets ist zumindest bis ins Jahr 2018 gesichert, zudem ist es Teil des geplanten Nationalparks der Calanques. Dort sollen weitere künstliche Riffs entstehen. Schon heute gibt es entlang der französischen Mittelmeerküste mehrere kleinere Projekte im Stil der Opération Récifs Prado. Der überraschende Erfolg der Aktion in Marseille dürfte dazu führen, dass weitere folgen werden.
Peter Hacker
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