21.05.2010 0
Provence & Côte d'Azur: Nach dem Beitritt zu Frankreich vor anderthalb Jahrhunderten ging es für Nizza steil bergauf
150 Jahre Marseillaise und Marianne
Zuvor gehörten Stadt und Grafschaft zum Besitz des Hauses Savoyen. Doch vor 150 Jahren, nachdem die Savoyarden fast ein Jahrtausend an der Macht gewesen waren, brach ihr Imperium auseinander. Ausgerechnet Giuseppe Garibaldi, Nizzas Sohn, war daran alles andere als unbeteiligt. Immerhin zählte er zu den populärsten Protagonisten der italienischen Einigungsbewegung (1820 bis 1870), in deren Zuge sowohl Savoyen, das mit dem Königreich Sardinien vereinigt war, als auch Nizza den Franzosen zugestanden wurde.
Sardiniens Premierminister hatte Napoléon III. beide Gebiete angeboten und im Gegenzug Unterstützung beim Kampf gegen Österreich eingefordert. Die Rechnung ging auf. Im Vertrag von Turin wurde der Handel am 14. März 1860 in aller Stille beschlossen. Revolutionär war, dass ein derart großer Gebietsabtritt erstmals in der Weltgeschichte von den betroffenen Bewohnern per Volksentscheid abgesegnet werden durfte. Eine überwältigende Mehrheit der Stimmberechtigten votierte damals für die Angliederung an Frankreich.
Europas Landkarte wurde neu gezeichnet und die «Grande Nation» mit einem Schlag um zehntausend Quadratkilometer größer. So ging aus der ehemaligen Grafschaft das Departement Alpes-Maritimes hervor.
Obwohl Nizzas heutiger Bürgermeister Christian Estrosi das gesamte Jahr 2010 anlässlich des bedeutenden Jubiläums zum Fest des Bürgersinns und der Bürgernähe erklärt hat, beginnen die offiziellen Feierlichkeiten erst im Sommer und finden ihren Höhepunkt am 14. Juni – jenem Tag, an dem vor 150 Jahren Entscheidungsträger beider Seiten das Protokoll zum Gebietsabtritt im Gelben Salon des Château Chambéry unterzeichnet hatten.
Für Nizza sollte sich der Beitritt zu Frankreich schnell als Segen herausstellen. Vorher eher stiefmütterlich behandelt und von ständigen Eroberungszügen gebeutelt, erfuhr die Stadt unter französischer Flagge einen sagenhaften Aufschwung, avancierte zur unangefochtenen Metropole der Côte d’Azur und zum inzwischen wichtigsten Wirtschafts- und Industriestandort der Alpes-Maritimes.
Dass Nizza ein wahres Schmuckstück ist, hatte die britische Aristokratie bereits vor 1860 entdeckt, der es auf ihrer Insel im Winter entschieden zu ungemütlich war. Seit dem von Pfarrer Lewis Way 1835 veranlassten Bau der weltberühmten Promenade des Anglais entlang der Baie des Anges ist die Stadt ein beliebter Anziehungspunkt für den internationalen Jet Set und den gemeinen Touristen gleichermaßen.
Dabei ist das kleine Paradies an der französischen Südküste alles andere als eine Naturschönheit. Die Promenade des Anglais wurde dem Mittelmeer abgetrotzt. Kaiserin Joséphine Bonaparte ließ Eukalyptusbäume pflanzen. Die Palmen stammen aus den französischen Kolonien in Nordafrika, die Mimosen aus Australien und die Kakteen vom Mexiko-Feldzug Napoléons III.
Mit der Entwicklung von der Grafschaft hin zum wohl schillerndsten Ort der französischen Riviera verwischten sich auch allmählich die italienischen Wurzeln. Die französische Sprache verbreitete sich in Windeseile, italienische Zeitungen wie «La voce di Nizza» verschwanden von der Bildfläche und einige Nachnamen der alteingesessenen Bevölkerung wurden einfach übersetzt – von Bianchi in Leblanc oder Del Ponte in Dupont. Immerhin noch bis in die 1930er-Jahre hielt das Vieux-Nice als einziges Stadtviertel die italienische Sprachkultur hoch.
Was heute bleibt, sind viele kleine Souvenirs aus der Zeit der savoyardischen Herrschaft. Die Nizzarder Küche wäre ohne Socca und Pissaladière nicht die gleiche. Zahlreiche Bürger tragen wie auch Bürgermeister Christian Estrosi Italien im Familiennamen, und imposante Bauwerke wie die barocke Chapelle de la Miséricorde legen Zeugnis über die italienische Vergangenheit der Metropole ab.
In Nizzas Brust schlagen also immer noch zwei Herzen – und das soll auch so bleiben. Verleiht es der Stadt doch einen zweifellos außergewöhnlichen Charme.
Claudia Dressel
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