09.05.2011 0

Provence & Côte d’Azur: Zwei Tage vor Beginn des großen Filmevents in Cannes: Der Blick auf die Festspiele mit RCZ-Redakteurin Aila Stöckmann

Sperriges, vier Frauen und eine Papst-Komödie

Gemütlich im Kinosessel zurücklehnen und genießen ist nicht in Cannes. Die 19 Filme, die es beim 64. Festival de Cannes in den Hauptwettbewerb um die Goldene Palme geschafft haben, dürften vom 11. bis 22. Mai wie üblich eher für Verstörung sorgen beim Publikum denn für süffiges Happy-End-Erleben.

Ein traumhafter Film über das Ende der Welt soll es sein, das neue Werk des dänischen Regisseurs Lars von Trier, «Melancholia». Foto: Christian Geisnaes

So ist das in Cannes: Massentaugliche Streifen sind rar unter den auserwählten, kommerzielle Filme per se nicht festivalwürdig. Auch 2011 dominieren sperrige Themen wie Pädophilie und Vergewaltigung, ein Flüchtlingsdrama ist dabei und die Geschichte eines Amoklaufs – wobei mit «Habemus Papam» von Nanni Moretti ausgerechnet eine Papst-Komödie an den Start geht.

Unter den Regisseuren finden sich, auch das ist üblich an der Croisette, alte Bekannte wie der Däne Lars von Trier, Pedro Almodóvar (Spanien), die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sowie der Finne Aki Kaurismäki. Doch auch zwei Erstlingswerke haben es sofort in die Hauptkategorie geschafft: «Michael» vom Österreicher Markus Schleinzer und Julia Leighs «Sleeping Beauty»  (USA). Apropos: Insgesamt vier Frauen sind unter den nominierten Filmemachern – rekordverdächtig. Deutsche sucht man in der Riege der Palmen-Anwärter diesmal vergeblich, aber Andreas Dresen («Halt auf freier Strecke») wurde bereits zum zweiten Mal (nach «Wolke neun») zur Nebenreihe Un certain regard eingeladen.

Neue Talente werden in der Kategorie Cinéfondation gesucht. Hier konkurrieren ausschließlich Abschlussfilme von Hochschülern um eine Goldene Palme. Unter die 16 Wettbewerbsbeiträge aus knapp 1600 Bewerbungen schafften es diesmal zwei deutschsprachige Nachwuchs-Regisseurinnen mit ihren Arbeiten: Doroteya Droumeva von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin mit «Der Brief» und Maria Steinmetz (Hochschule für Film und Fernsehen «Konrad Wolf») mit ihrem «Wechselbalg».

An Weltstars wird es an der Croisette auch in diesem Jahr nicht mangeln. Brad Pitt und Angelina Jolie haben ja quasi ein Festival-Abo (er spielt diesmal in «Tree of Life» von Terrence Malick/Hauptwettbewerb, sie in «Kung-fu Panda 2», der außer Konkurrenz nach Cannes kommt).

Johnny Depp stellt mit Kollegin Penelope Cruz, ebenfalls hors compétition, die vierte Folge von «Fluch der Karibik» vor. Auf der berühmten Treppe zu erwarten sind außerdem: Sean Penn, Jean-Paul Belmondo, Kirsten Dunst, Jodie Foster, Woody Allen, Carla Bruni-Sarkozy, Dustin Hoffman, Jackie Chan, Keith Richards, Vanessa Paradis, Antonio Banderas ...

Eine Augenweide wird auch die Jury – fürs weibliche wie fürs männliche Publikum: Robert de Niro als Vorsitzender erhält Unterstützung unter anderem von Uma Thurman und Jude Law.

Im Wettbewerb

Pedro Almodóvar: La Piel que habito (Die Haut, in der ich lebe)

Bertrand Bonello: L’Apollonide – Souvenirs de la Maison Close

Alain Cavalier: Pater

Joseph Cedar: Fußnote

Nuri Bilge Ceylan: Es war einmal in Anatolien

Jean-Pierre und Luc Dardenne: Der Junge mit dem Rad

Aki Kaurismäki: Le Havre

Naomi Kawase: Hanezu no tsuki

Julia Leigh: Sleeping Beauty

Maiwenn: Polisse

Terrence Malick: The Tree of Life l Radu Mihaileanu: La Source des Femmes (Die Quelle)

Takashi Miike: Ichimei (Harakiri: Tod eines Samurai)

Nanni Moretti: Habemus Papam

Lynne Ramsay: We need to talk about Kevin

Markus Schleinzer: Michael

Paolo Sorrentino: This must be the place

Lars von Trier: Melancholia

Nicolas Winding Refn: Drive

Marché du Film
Trendscouts in Aktion

Dreimal im Jahr reist Sebastian Kiesmüller nach Cannes. Hier machen der Marketing-Chef der german united distributors, einer Vertriebstochter der ARD, und sein Team Geschäfte – auf der TV-Messe Mip-TV, bei der Mip-Com und jeden Mai bei den Filmfestspielen. Sie verkaufen Fernsehprogramme und gehen ihrerseits bei Anbietern aus aller Welt shoppen, um «ein anspruchsvolles Programm» zusammenzustellen.

Immer gelte es, Trends so früh wie möglich zu erkennen, sich früh einzukaufen.

Beim Filmfestival von Cannes, verrät der Deutsche, spiele sich das Wesentliche in den ersten drei Tagen ab – auf dem Marché du Film, also hinter den Kulissen, während vorne die Stars die rote Treppe hinaufsteigen. Die Reisen werden aus Kostengründen so kurz wie möglich gehalten, erklärt Kiesmüller, elf Tage Festival sprengen das Budget. Entsprechend hektisch gehe es zu auf dem Markt im Mai, während die Mip-TV im Vormonat vergleichsweise entspannt verlaufe.

Ob auf der TV-Messe oder dem Spielfilm-Markt: «Networking» laute eins der Zauberworte, Kundenkontakt pflegen. Ein Wiedersehen ist ga- rantiert: bei einem der nächsten großen Festivals weltweit.

Man spricht Deutsch
Österreichischer Film steht im Hauptwettbewerb

Deutsch wird dieses Jahr ungewohnt viel gesprochen werden an der Croisette und in den Kinosälen des Palais, oder sollen wir lieber sagen: Österreichisch? Während Deutschland mit 90-Minütern nur in der Nebenreihe Un certain regard im offiziellen Wettbewerb vertreten ist (Andreas Dresens «Halt auf freier Strecke»), hat die Alpenrepublik mit dem Film «Michael» ein Werk in der Hauptreihe. Damit konkurriert Regisseur Markus Schleinzer gleich mit seinem ersten Film um die Goldene Palme und könnte in die Fußstapfen seines Landsmanns Michael Haneke treten, der den begehrten Preis erst vor zwei Jahren für «Das weiße Band» gewonnen hatte.

Der 39-jährige Schleinzer, ursprünglich Schauspieler und Caster, hatte für Hanekes Erfolgsdrama die Kinder und Jugendlichen besetzt – nun steht er selbst mit seinem Regie-Debüt in der Liste der 19 Wettbewerbsbeiträge.

Um den Filminhalt wurde bei Redaktionsschluss noch ein großes Geheimnis gemacht. Es soll sich um ein Pädophilie-Drama handeln, das an den Fall Kampusch erinnert: Der zehnjährige Wolfgang werde vom 35-jährigen Michael entführt und eingesperrt.

Cinema de la Plage
Im Strandkino am Plage Macé (links vom Palais des Festivals mit Blickrichtung Meer) werden auch in diesem Jahr nach Einbruch der Dunkelheit wieder alte und aktuelle Festival-Filmhighlights gezeigt.
Wer sich frühzeitig ein Gratis-Ticket übers Office de Tourisme sichert, bekommt einen Sitzplatz – wer sich eine Decke mitbringt, sitzt aber auch neben den Sesselreihen ganz bequem im Sand. Picknick nicht vergessen!
Die Filme beginnen um 21.30 Uhr, davor gibt’s Musik.

as

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