05.02.2012 0

Monaco: Apnoe-Taucher Pierre Frolla sucht das Abenteuer

Abgetaucht. Ein Leben am Limit

Pierre Frolla ist Apnoe-Taucher. Vier Weltrekorde im Tieftauchen ohne Atemgerät hat der Monegasse im Laufe seiner Karriere aufgestellt. Heute bestreitet er keine Wettkämpfe mehr, aber der Rausch der Tiefe zieht ihn noch immer regelmäßig dorthin, wo jeder andere Sporttaucher längst kehrt macht. RCZ-Redakteurin Aila Stöckmann nahm er – gedanklich – mit in eine fremde Welt.

Frolla
Apnoetauchen – Tauchen ohne Sauerstoffgerät – ist eine Lebensphilosophie, sagt Pierre Frolla

Absolute Dunkelheit, Kälte, keine Menschenseele weit und breit. Unwirtlich ist es, wenn Pierre Frolla 100 Meter unter der Wasseroberfläche die Augen aufschlägt. Unvorstellbar der Druck, dem er seinen Körper aussetzt.

Während er sich an einem Seil in die Tiefe zieht, lässt Frolla die Lider geschlossen. Volle Konzentration ist gefragt, damit er die Tortur erträgt, die der Wasserdruck auslöst. Mit jedem Meter wird sein Herzschlag langsamer. Ständiger Druckausgleich bewahrt das Trommelfell, wenn alles glatt läuft, vor dem Platzen. Ach ja: Und geatmet wird nicht, denn Pierre Frolla ist ohne Sauerstoffgerät unterwegs.

Hat er zu viel Zeit mit Luftanhalten in der Badewanne verbracht, oder wie kommt er zu einer Beschäftigung, die ihn schon dreimal fast das Leben gekostet hätte?

Mit besonderem Talent habe das Apnoetauchen wenig zu tun, sagt der durchtrainierte 36-Jährige, der in Jeans und Kapuzenpulli zu unserer Verabredung im Monte-Carlo Bay Hotel erscheint. «Alles eine Frage des Trainings», versichert er und beginnt, seine Geschichte zu erzählen.

Schon als Achtjähriger verbringt Pierre jede freie Minute im Meer. Für einen Monegassen ist das zunächst keine größere Sache: La grande bleue liegt ja zu seinen Füßen. Sein Vater war Fischer in einem der legendären pointu-Boote, die nach und nach von der Bildfläche verschwinden, und er war – vor der Geburt von Pierre und dem jüngeren Bruder Philippe – jahrelang Mitglied der Nationalmannschaft Monacos im Unterwasserjagen.

Dem Geheimnis seines Vaters auf der Spur

Pierre hört viel über die Erfolge seines Vaters, weniger von ihm selbst als von Freunden und Bekannten. Denn der Vater möchte nicht, dass seine Söhne ihm nacheifern. Viel zu gefährlich ist sein Sport. «Aber das habe ich nicht verstanden», sagt der erwachsene Pierre, «ich war sicher, er verheimlicht uns etwas.»

Dem Unterwasser-Geheimnis seines Vaters also waren er und sein Bruder auf der Spur beim Fischefangen ohne Angel oder Netz – und so entstand die Leidenschaft fürs Tauchen, die Pierre bis heute nicht losgelassen hat.

«Wir waren immer im Wasser, mein Bruder und ich. Unsere Kumpels liebten das Meer auch, aber keiner war so verrückt wie wir. Wir waren Piraten.» Pierre Frolla setzt sein schelmisches Grinsen auf und ergänzt: «Ein Pirat bin ich auch heute noch: einer, der macht, was er will, und sagt, was er denkt.» Er habe viel Glück gehabt in seinem Leben, und vielleicht hat all das zusammen seine Erfolge begründet.

In Monaco geboren zu sein, an diesem sicheren, sozialen, hübschen Ort mit lauter netten Leuten, «wo du zwar nicht auf das richtige Leben in der Welt vorbereitet wirst, aber sehr behütet und sehr ehrlich aufwächst», das sei wichtig für seine Karriere gewesen – neben der Erziehung durch seine Eltern, die ihm Bildung ermöglichten, ihm aber gleichzeitig auch nichts schenkten: Das Geld für einen Motorroller mit 16 musste Pierre sich selbst verdienen, und Jobs als Kellner oder Pizza-Auslieferer zu Schülerzeiten machten ihm klar: «So willst du später nicht arbeiten.»

Was er heute tut, bringt dem 36-Jährigen rundherum Spaß. Er ist sein eigener Herr und seine Arbeit ein Traumjob – als Geschäftsführer der eigenen Tauchschule am Larvotto-Strand, der nebenbei fürs Fürstentum die Unterwasser-Aktivitäten koordiniert und auch nach Beendigung der aktiven Laufbahn noch Sponsoren binden kann.

Als Pierre 14 oder 15 ist, beginnt sein Vater ihn schließlich doch in seiner Tauchleidenschaft zu unterstützen, und mit 18, als Student, entschließt sich der junge Mann, das Freitauchen zu seinem Lebensinhalt zu machen. In den kommenden zwölf Jahren, bis zum Ende der aktiven Laufbahn 2007, sollte Pierre Frolla nicht nur nationale Meisterschaften gewinnen, sondern Europa- und Weltrekorde knacken.

Seine Heimat am Mittelmeer bietet ihm beste Trainingsbedingungen: Vor Monaco selbst, vor allem aber im beliebten Übungsgebiet in der Bucht von Villefranche erreicht der Meeresgrund schon relativ dicht an der Küste an die 200 Meter Tiefe.

Die Jahre zwischen 1998 und 2002 sind seine intensivsten. 2001 bricht er ein letztes Mal den Weltrekord im freien Immersionstauchen, seiner Paradedisziplin: 80 Meter zieht er sich ohne jegliches Hilfsmittel wie Flossen oder Gewichten an einem Seil in die Tiefe und wieder hoch. 2004 schafft er noch einen Weltrekord, diesmal im Tieftauchen mit Gewicht: 123 Meter ging es dabei nach unten. Heute haben beide Rekorde längst keinen Bestand mehr.

No limit – verrückter geht’s nicht

In der verrücktesten und – natürlich – gefährlichsten Disziplin, dem No-Limit-Tauchen, liegt die Maximal-Tiefe mittlerweile bei unglaublichen 214 Metern, gehalten von einem langjährigen Wegbegleiter des Monegassen, dem Österreicher Herbert Nitsch. Von einer schweren Schlittenkonstruktion lassen sich die Taucher dabei hinunter- und wieder an die Wasseroberfläche befördern.

Was macht das Meer mit Apnoetauchern wie Frolla, Nitsch und anderen Rekordjägern, damit sie sich jedes Mal aufs Neue in Lebensgefahr begeben? Das könne man Menschen, die nicht selbst tauchen, kaum erklären, so Pierre Frolla. «Für mich ist es absolut nicht der Kick der Gefahr», versichert er. «aber sie gehört dazu.»

Viel mehr entspanne ihn das Tauchen, und nach all den Jahren inspiriere und fasziniere das Meer ihn immer noch. Alle Sinne würden unter Wasser geschärft und im Grunde sei es eine Reise ins eigene Sein. «Du darfst keine Fehler machen, musst dich selbst einschätzen können und eine gewisse Demut an den Tag legen – mehr als bei anderen Sportarten», sagt der Monegasse. «Zwei Sekunden können über Leben und Tod entscheiden.»

Wenn das Herz nur noch achtmal pro Minute schlägt und die Lunge auf die Größe eines Tennisballs zusammengepresst ist, spätestens ab 80 Metern unter der Wasseroberfläche, leisten die Endorphine ganze Arbeit. «So bei 40 Metern tut’s weh, beim Bloodshift, wenn das Blut in die Hohlräume der Lunge schießt», sagt Frolla, «aber das nehmen Trainierte so nicht mehr wahr – für uns ist der Schmerz nur noch eine Information.» Danach tue gar nichts mehr weh, auch wenn in 100 Metern Tiefe auf jeden Quadratzentimeter des Körpers rund 11 Kilogramm drückten ...

«Da unten erfährst du, wer du bist», so Frolla, «beim Apnoetauchen kannst du dich nicht selbst betrügen.»

Aufgehört hat er nie richtig, nur mit den Wettkämpfen. Er wollte Mensch bleiben, mit richtigem Sozialleben, und nicht mehr nur trainieren, jeden Tag und immer allein, und beim Fernsehen ganz automatisch die Luft anhalten. Das Schicksal eines guten Freundes, Loïc Leferme, der in der Rade de Villefranche beim Apnoetauchen ums Leben kam, tat ein Übriges bei der Entscheidung.

Heute kommt der nötige Nervenkitzel beim Tauchen mit Haien – und vielleicht auch ein bisschen davon, dass Menschen wie der Fürst von Monaco ihn zu seinen Freunden zählen.


Nachzulesen ist die gesamte Biografie des Pierre Frolla in seinem gerade erschienenen Buch «Pierre Frolla – Pirate des Abysses», Editions du Rocher.


Seine Rekorde im Tieftauchen

Free Immersion:
Weltrekord 1999:
72 Meter
Weltrekord 2000:
73 Meter
Weltrekord 2001:
80 Meter

Variables Gewicht:
Französ. Rekord 1997:
80 Meter
Französ. Rekord 1998:
82 Meter
Französ. Rekord 1999:
90 Meter
Weltrekord 2004:
123 Meter


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