05.09.2010 0

Thema: Wie steht es um die Tierwelt im Mittelmeer?

Artenvielfalt oder Artensterben

Mehr als 200 Kilogramm schwer und fast 2 Meter lang – Als der Fischer Paul Bringold vor der Küste von Marseille vergangene Woche wie jeden Morgen sein Netz einholte, hatte er sicher nicht mit diesem Anblick gerechnet: Eine Riesen-Meeresschidkröte der Spezies Luth hatte sich in den Tauen verfangen. Diese Tiere gehören zu den größten vorkommenden Schildkröten-Arten und gelten als vom Aussterben bedroht. Ein solches Tier vor der Küste von Marseille ist ein einmaliges Ereignis. Das bestätigte auch die Organisation CestMed, die sich dem Schutz der mediterranen Meeresschildkröten verschrieben hat. Im Mittelmeer gibt es die Art kaum noch. Leider überlebte der Koloss seine Gefangenschaft nicht und der 64-jährige Fischer konnte ihn nur noch tot an die Küste bringen. Trotzdem heizt der Fund eine Diskussion an, die nun schon lange schwelt: Wie steht es um das Mittelmeer und seine Bewohner? Artensterben oder Artenvielfalt vor Frankreichs Südküste?

Korallenfische
Viele Fischarten des Mittelmeeres stehen noch nicht auf der Roten Liste. Doch Fische machen nur 12 Prozent der Spezies in den Ozeanen aus. Wale und Schildkröten sind an vielen Küsten ein seltener Anblick

Der Schutz des Mittelmeeres steht im Zentrum der Arbeit unzähliger Organisationen. In Monaco und Villefranche-sur-Mer liegen dicht beieinander gleich zwei Forschungsinstitute an der Küste. Monaco liegt dieses Thema besonders am Herzen, es wird der Fürstenfamilie quasi in die Wiege gelegt. Der im Naturschutz sehr engagierte Fürst Albert II ist Präsident der CIESM (Commission Scientifique de la mer Méditerranée).

Aber auch die Universität in Nizza beschäftigte sich in Kooperation mit dem Lions Club Nice Doyen  mit dem Thema. Unter der Leitung des Professors Alexandre Meinesz kam dabei ein Buch mit dem Titel “Mer vivante” heraus, dass Ende Juli der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Dieser Gratis-Führer ist eine Neuedition mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren und kann in vielen Häfen und Clubs an der Mittelmeerküste eingesehen werden. Er informiert über die lebende Vielfalt des Mittelmeeres und gibt einen hoffnunsfrohen Ausblick auf den Arterhalt der maritimen Tierwelt. Es sei noch keine Spezies im Mittelmeer ausgestorben und zahlreiche Maßnahme sorgten dafür, dass dies auch so bleibe. Im Gegensatz, mancher Tierbestand erhole sich sogar wieder.

Dagegen spricht ein nur kurze Zeit später, Anfang August, veröffentlichter Bericht der amerikanischen “Public Library of Science”. 360 Wissenschaftler hatten eine “Meeresvolkszählung” vorgenommen um den weltweiten Artenbestand zu katalogisieren. Ihr Befund: Von allen Weltmeeren sind die Tiere im Mittelmeer am stärksten bedroht. Durch seine geographische Abgeschlossenheit und die geringe Größe wirke sich hier der Eingriff des Menschen am massivsten aus. Überfischung und Verschmutzung sowie starker Schiffsverkehr haben wesentlich dramatischere Resultate als in den großen Ozeanen.

Die Forscher kamen auch zu einem anderen, erstaunlichen Ergebnis. Mehr als sechshundert Arten, etwa vier Prozent aller bekannten Arten im Mittelmeer, sind quasi ortsfremd. Sie wanderten über die Jahre ein. Das ist ebenso eine wesentlich höhere Zahl, als in jedem anderen Ozean. Gründe hierfür könnten die verhältnismäßig milden Bedingungen vor Ort sein. Vielen Spezies fällt es leicht sich hier anzusiedeln. Der endgültige Bericht des Projektes soll im nächsten Jahr vorliegen.

Die Wissenschaft mag sich uneins sein, Fakt ist, dass sein einiger Zeit wieder des öfteren Tiere vor Frankreichs Küste gesichtet werden, die als gefährdet gelten. Ausflugsschiffe berichten davon immer öfter Walfamilien zu begegnen, auch der Anblick von Delfine ist nichts Ungewöhnliches. Der Fund der Meeresschildkröte vor Marseille ist hierfür ein weiterer Beweis und gibt Grund zur Hoffnung.

LS

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