08.03.2010 0
Frauen in Ligurien: der steinige Weg zur Selbstbestimmung
Marionette oder Strippenzieherin?
Durchsetzungsfähig, willensstark, entschlossen, aber auch eigensinnig: Die bergige Küstenregion Ligurien hat den Charakter der Frauen durch die bewegte Geschichte und Kargheit der Landschaft nachhaltig geprägt. Als Bauersfrauen mussten sich viele von ihnen immer wieder auf veränderte Gegebenheiten einstellen und neue Chancen im täglichen Kampf ums Überleben kreativ nutzen. Früher wirkten fast alle Ligurerinnen tatkräftig mit beim Olivenanbau, Fischfang, in Schiefersteinbrüchen, in der Blumenzucht oder als selbstständige Unternehmerinnen durch den Verkauf der erwirtschafteten Waren am Erhalt der Familienbetriebe.
Strukturarme Gegend
Heute müssen sie aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen besondere Anstrengungen unternehmen, wenn sie ihre Fähigkeiten in eine Erwerbstätigkeit außerhalb der Familie einbringen. Trotz eines großen Frauenanteils an höheren Ausbildungsabschlüssen finden sich die berufstätigen Ligurerinnen der Gegenwart meist in untergeordneten Positionen im Dienstleistungssektor, mit befristeten Arbeitsverträgen oder in Teilzeitbeschäftigung wieder. Die wenigen Führungspositionen in dieser strukturarmen Gegend beanspruchen die Männer traditionsgemäß für sich. Da es in Italien generell noch an der wirksamen Umsetzung einer frauenfreundlichen Familienpolitik mangelt, liegt vor allem in den ländlichen Gebieten Liguriens weiterhin die Betreuung der Kinder und Alten allein bei den Frauen.
Italienerin als Betthäschen?
Einige Ligurerinnen haben es jedoch geschafft, sich als Schriftstellerinnen, Musikerinnen und Sportlerinnen weit über die Region hinaus einen Namen zu machen. Andere haben sich in der regionalen Politik Positionen erobert, in denen sie ihr Können und ihren Einfluss öffentlich wirksam werden lassen. So sind sie inzwischen maßgeblich in der Tourismusbranche und als Unternehmerinnen vor allem im ‚Agriturismo’ innovativ und nachhaltig tätig. Darüber hinaus haben viele durch Einzelinitiativen erfolgreich dazu beigetragen, das Bewusstsein für die selbstbestimmte Frau in der heutigen Gesellschaft zu schärfen.
Wer dem selbstbewussten Typus der Ligurerin begegnet, spürt den Respekt, den sie in ihrem privaten wie auch beruflichen Umfeld genießt, ohne Zweifel an ihrer weiblichen Würde zu lassen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob sie in Führungspositionen sitzt oder nicht. Oft übernimmt sie selbstverständlich eine Beispielfunktion für andere Frauen, indem sie ihre eigenen Stärken nutzt und ihre Erfahrungen weitergibt. Wird die Ligurerin auf das aktuelle Thema der öffentlichen Diffamierung und Generalisierung der Italienerin als Betthäschen angesprochen, reagiert sie gelassen. Zum lautstarken Protest fühlt sie sich nicht provoziert, weil sie glaubt, dass die italienische Frau bereits ein gewisses emanzipatorisches Niveau erreicht hat. So wird die Tatsache, dass Frauen speziell in ländlichen Gegenden schon immer als Arbeiterinnen und Produzentinnen eine wichtige wirtschaftliche Rolle innehatten, als Beleg für ein positives Frauenbild in ihrer Gesellschaft und damit für die Vorbildfunktion gegenüber den Kindern gewertet.
Späte Heirat
Die Ligurerin setzt sich unbeeindruckt gegen einen tief verankerten Kodex zur Wehr, der für die italienischen Frauen nur zwei Kategorien vorsieht: entweder als Sexualobjekt oder als Mutterfigur. Sie entscheidet sich meist erst spät für eine Heirat, lässt sich häufig wieder scheiden und bekommt immer weniger Kinder.
Es bleibt jedoch fraglich, ob sie mit ihrem Verhalten allein ein generelles Umdenken in der Gesellschaft der Region voranbringen kann.
Die Menschen in diesem Landstrich sind wie in vielen anderen Gegenden Italiens stark in der kollektiven Sozialisation verhaftet. Daher sind noch mehr Identifikationsmodelle vonnöten, die scheinbar einfachen Lösungen wie einem Leben als Starlet oder finanziell abgesicherter Ehefrau die Anziehungskraft nehmen und junge Frauen auf den oft mühsamen Weg der Selbstfindung bringen.
Mütter und mammoni
Fest steht: Wo die Geburt eines Sohnes immer noch als Bestätigung für die männliche Überlegenheit gefeiert und die kleinen Jungen wie Prinzen behandelt werden, wird sich am Umgang der Geschlechter nicht grundsätzlich viel ändern.
Wo die Mädchen von klein auf zu Filmstars herausgeputzt werden, bleibt die Förderung ihrer manuellen und geistigen Fähigkeiten auf der Strecke. Die mammoni werden sich lieber von ihren Müttern umsorgen lassen und intelligente Frauen lange suchen müssen, bis sie einen Partner finden, der sie in ihrem Verständnis von weiblicher Würde unterstützt.
Solange Mütter die Strippen gemäß alter gesellschaftlicher Normen ziehen, untergraben sie weiterhin die Emanzipation ihrer Töchter.
RBR
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