18.02.2010 0
Themen: Bewohner und Besucher aus deutschsprachigen Ländern tragen zum milliardenschweren Wirtschafts-Aufkommen im Süden bei. Aber macht uns das auch schon zu Freunden?
So sehen uns unsere Nachbarn!
Den Titel erfand der Schriftsteller Friedrich Sieburg, vor gut achtzig Jahren. Und schon Goethe besang hymnisch Italien als «Land, wo die Zitronen blühen» – vor über zwei Jahrhunderten.
Ungebrochen hallt weiterhin der Ruf des Südens, zieht es Deutsche, Schweizer, Österreicher aus grauer Städte Mauern ins strahlend besonnte Zitronen-Paradies unterm Azur-Himmel. Für Urlaub oder ein halbes Leben.
Den Einheimischen ist’s recht. Aus sieburgisch-goetheschem Süden-Sehnen ist ein fest einkalkulierter Faktor in den Budgets der Regional- und Departemental-Verwaltungen von Ligurien, Provence und Côte d’Azur geworden.
«Wir zählen», sagt Eric Ciotti, «allein in unserem Departement Alpes-Maritimes jährlich rund eine halbe Million Touristen aus Deutschland und Österreich. Rund 2000 Zweitwohnsitze hier gehören Bürgern aus diesen Ländern.»
Eric Ciotti sollte es wissen. Er ist Präsident des Conseil Général des Departements Alpes-Maritimes. Doch nennt er – verständlicherweise – nur die offiziellen Zahlen. Bei weitem nicht alle sind in den hiesigen Konsulaten geführt. Die Dunkelziffer liegt ungleich höher.
Besucher und Bewohner lassen sich das Leben unter südlicher Sonne etwas kosten. Allein der Tourismus schwemmt rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr in den Haushalt der Region.
Aber bekommen wir – Besucher und Bewohner – für unseren Anderthalb-Milliarden-Obolus zumindest auch ein freundliches Lächeln? Nicht immer.
Wir von der RCZ recherchierten, wie unsere italienisch-französischen Nachbarn uns sehen.
Wir befragten den berühmten «Mann auf der Straße», aber auch Politiker wie Eric Ciotti und Christian Estrosi, Bürgermeister von Nizza und gleichzeitig französischer Industrieminister.
Die Antworten reichen von den üblichen Klischees bis zu positiven Überraschungen: Fielen noch vor einigen Jahren als erste Worte Krieg und Kartoffeln, wenn von Deutschen die Rede war, denken unsere Nachbarn heute auch schon einmal an BMW und Claudia Schiffer.
Rolf Palm
Das «kollektive Gedächtnis» eines Volkes ist ein langlebiges Gewächs. Es wuchert über Generationen hinweg stetig weiter. So ist zu verstehen, dass aus der Vorratskammer der Vorurteile die Klischees von Krieg, Ordnung oder Sauberkeit noch nicht ausgeräumt scheinen. Auffällig auch, dass «die Deutschen» über einen Kamm geschoren werden. Kaum eine Rolle spielen dabei unsere regionalen Mentalitäts- und Temperaments-Unterschiede. Positiv stimmen auf jeden Fall die Antworten von Politikern wie Eric Ciotti und Christian Estrosi in unserem Doppel-Interview. Fazit: Auch wir haben wohl noch einiges zum besseren Verständnis mit unseren Nachbarn beizutragen.
Wie wichtig sind die ausländischen Besucher und Bewohner für die Alpes-Maritimes und deren Hauptstadt Nizza?
CHRISTIAN ESTROSI: Wir zählen Tausende von deutschsprachigen Mitbürgern in unserer Region. Von den jährlich fünf Millionen ausländischen Touristen in den Alpes-Maritimes sind 30 Prozent englisch- und neun Prozent deutschsprachig. Sie tragen ohne Zweifel zum positiven Image unseres Departements und der Stadt Nizza bei. Ich bin sehr glücklich über diese Präsenz. Zeigt sie doch, dass wir an einem außergewöhnlichen Ort leben. Wir werden alles tun, damit diese Menschen auch weiterhin zu uns kommen.
ERIC CIOTTI: Die englisch- und deutschsprachigen Touristen schlagen mit zwei Millionen Aufenthalten jährlich zu Buche. Allein damit wird ein Umsatz von 1,5 Milliarden Euro erzielt. An die zehntausend ausländische Zweitwohnsitze sind registriert. Auch die große Anzahl von Ferienwohnungen wirkt sich direkt auf unsere Wirtschaft aus. Gemeinsam sorgen Besucher und Bewohner für ein positives Bild unserer Heimat.
Hat sich Ihr persönliches Bild der Deutschen in den letzten Jahren verändert?
CHRISTIAN ESTROSI: Nizza ist seit 1954 Partnerstadt von Nürnberg – ein emblematisches Ereignis für die deutsch-französische Freundschaft. Diese Partnerschaft ist heute sehr aktiv – sei es in der Jugendarbeit wie auch auf kulturellem Gebiet – und zeugt von dem Einvernehmen zwischen unseren beiden Städten. Fast möchte ich sagen, wir können nicht mehr ohne einander. Ist das nicht eine wunderbare Botschaft, wie sehr sich unser gegenseitiges Verständnis in den letzten Jahrzehnten geändert hat?
ERIC CIOTTI: Ich gehöre zu einer Generation, für die die deutsch-französische Freundschaft eine Realität ist. Eine Freundschaft, die dank des visionären Mutes von General de Gaulle und Konrad Adenauer errichtet wurde. Ich bewundere die Art und Weise, wie Deutschland seine Wiedervereinigung gemeistert hat, ohne sein europäisches Engagement zu leugnen und ohne das Paar Deutschland-Frankreich in Frage zu stellen.
Welche Bedeutung messen Sie dem Wahlrecht der Ausländer für die Kommunal- und Europawahlen bei?
CHRISTIAN ESTROSI: Die EU-Bürger in Nizza haben hier dieselben Rechte wie die Nizzarder. Ihre Stimme ist also genauso wichtig und ihre Meinung bezüglich der städtischen Projekte ist für mich von großer Bedeutung.
ERIC CIOTTI: Es freut mich, dass unsere europäischen Freunde an der lokalen Demokratie teilnehmen und andererseits die Franzosen im Ausland wählen können.
Was wird für die internationale Weiterentwicklung getan?
CHRISTIAN ESTROSI: Als Bürgermeister von Nizza und Präsident des Städteverbandes Nice Côte d’Azur liegt es mir sehr am Herzen, die Kreativität und die Dynamik unserer Stadt weiterzuentwickeln. Zusammen mit Rudy Salles, der für die internationalen Angelegenheiten und den Tourismus zuständig ist, arbeiten wir ständig datan, unsere Attraktivität noch zu steigern. Dazu gehören ein intensiver Austausch mit anderen Städten auf dem Gebiet von Kulturevents und anderen Veranstaltungen sowie die Zusammenarbeit mit internationalen Gruppen und Netzwerken. Dabei hilft uns, dass Nizza nach Paris die erste Kongressstadt Frankreichs ist, über das zweitgrößte Hotelaufkommen und den zweitgrößten Flughafen des Landes verfügt.
ERIC CIOTTI: Das Tourismusamt CRT arbeitet in Partnerschaft mit dem Conseil Général gezielt an den Hauptmärkten Italien, Großbritannien und Deutschland. Seit 2008 gibt es einen fünfsprachigen Internetauftritt. Auch Brasilien, Russland, Indien und China sind für uns von Interesse. Und die langjährige Existenz einer deutsch- und englischsprachigen Presse zeigt ebenfalls die starke internationale Öffnung dieser Region.
Lesen Sie hier, was die RCZ-Umfrage unter Italienern und Franzosen ergeben hat!
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