19.02.2010 0
Themen: RCZ-Umfrage unter Südfranzosen und Ligurern zu ihrer Meinung über die Nachbarn aus dem Norden
Wie sehen Franzosen und Italiener die Deutschen?
Jean Delrue, 83 Jahre, ehemaliger Kellermeister, Saint-Maximin-la Sainte-Baume:
«Generell mag ich die Deutschen und es freut mich, dass Frankreich und Deutschland heute eine gute und freundschaftliche Beziehung zueinander haben. Die Vergangenheit ist passé. Heute sind wir Europäer, und Deutschland und Frankreich sind die führenden Nationen. Ich finde, beide Länder und ihre Menschen passen gut zueinander und ergänzen sich. Viele meiner Landsleute allerdings sehen sich mehr als Franzosen und weniger als Europäer, allen voran unser Präsident. Wenn er von Europa spricht, meint er la France. Wenn Frau Merkel von Europa spricht, dann meint sie Europa. Glücklicherweise mögen sich die beiden und führen die legendäre Freundschaft zwischen Kohl und Mitterrand fort.
Mein Bruder lud während des Krieges einen deutschen Soldaten, der ihm bei einer Fahrradpanne geholfen hatte, zum Essen zu sich nach Hause ein. Der ist tatsächlich gekommen und die beiden jungen Soldaten genossen einen schönen und friedvollen Abend. Keiner von ihnen hatte diesen Krieg gewollt. Einige Deutsche habe ich im Urlaub auf Korsika kennen gelernt, ein paar auch hier. Ich fand sie freundlich, höflich und anständig. Meine persönlichen Erfahrungen waren positiv, aber natürlich kann man keine ganze Nation über einen Kamm scheren. Es gibt überall solche und solche. Ein bisschen mehr Humor allerdings könnte euch Deutschen nicht schaden.»
Suzanne Roumieux (72), Französisch-Lehrerin:
«Wenn ich das Wort ‘Deutsch’ höre, weckt das zunächst ganz automatisch Erinnerungen an den Krieg, der unsere beiden Völker ruiniert hat. Das Gedankengut eines Hitlers bleibt mir bis heute vollkommen unverständlich.» Die Grund-schullehrerin im Ruhestand hat ihren Großvater im ersten Weltkrieg verloren, und ihr Vater musste vier Jahre in Kriegsgefangenschaft verbringen.
Im Laufe der Jahre hat sie viele Deutsche kennen gelernt. Während ihres Berufslebens waren viele Kontakte durch eine Schulpartnerschaft entstanden, die ihr Mann, Direktor eines collège, intensiv gepflegt hatte. Die deutsche Sprache sei sehr schwer zu erlernen, findet Suzanne, nur den wirklich guten Schülern wird sie als Fremdsprache empfohlen.
Die großen Komponisten wie Wagner und Beethoven fallen ihr spontan ein, die soliden, leistungsstarken Automarken und, nicht zu vergessen, die Liebe der Deutschen zu großen Festen, auf denen gern Bier getrunken wird. Heute engagiert sich Suzanne ehrenamtlich für den A.V.F. (accueil des villes françaises) in Le Luc. Im Rahmen dieses Vereins, der sich in vielen Städten Frankreichs um die Integration von Neubürgern bemüht, gibt sie Französischkurse für Ausländer.
Der typisch deutsche Charakter? «In Deutschland schätzt man eine gesunde Lebensweise, inzwischen auch Biokost, Ordnung, Sauberkeit und Komfort, alles Dinge, die ich überaus vernünftig finde. Im Gegensatz zum französischen Temperament, das häufig aufsässig und respektlos ist, sind die Deutschen für mich sehr gewissenhafte Menschen, die es mögen, dass Regeln auch befolgt werden. Eine Einstellung, die ich schätze und die man in Frankreich augenblicklich nötig hätte», sagt Suzanne.
Sylvie Walter (36), Restaurant-Chefin, Nans-les-Pins:
«Unsere deutschen Gäste kommen gewöhnlich als erste und gehen häufig als letzte. Sie sind, neben den Holländern, die einzigen, die gerne eine längere Pause als üblich zwischen den Gängen einlegen. Und sie möchten schon dann auf der Terrasse sitzen, wenn wir Franzosen noch dicke Schals umhaben.» Sylvie Walter fährt fort: «Die Deutschen legen, vor allem, was Essen und Trinken betrifft, großen Wert auf Qualität. Sie gehen, unabhängig von der Größe des Geldbeutels, lieber einmal gut als dreimal mittelmäßig essen, trinken lieber einmal pro Woche einen guten Wein anstatt jeden Tag einen einfachen.»
Die Gastwirtin hat beobachtet: «Unsere deutschen Gäste sind treu und waren bislang stets freundlich und angenehm, manche zurückhaltend. Alle, auch die, die gut Französisch können, freuen sich, wenn man sie in ihrer Muttersprache anspricht. Wenn sie sich wohlgefühlt haben, kommen sie gerne wieder zurück.»
Antonio Lesci, Friseur aus Imperia, kennt die Deutschen gut: nicht nur, weil er seit zehn Jahren sein Geschäft «Top Team» im Stadtteil Oneglia hat, in dem viele tedeschi Stammkunden sind. Sondern auch, weil der 51-Jährige seine Lehre in Gummersbach gemacht und insgesamt 14 Jahre dort gelebt und gearbeitet hat. «Ich liebe Deutschland und ich liebe die Deutschen», sagt er. Am liebsten wäre er gar nicht zurück nach Italien gegangen. «Aber meine Frau sehnte sich nach Sonne und Meer», seufzt er. Die Deutschen, so Antonio, seien stupendo, einfach wunderbar. «Sie sind so kultiviert, freundlich, sie zeigen Anstand und Höflichkeit», lobt er, «außerdem sind sie seriös und verantwortungsbewusst!»
Was er besonders toll findet: «Sie sind professionell! Was sie machen, machen sie richtig!» Für Italien, so meint er, sei das leider nicht so typisch – und das wurmt ihn manchmal sehr. «Was ich hier schon mit Angestellten oder Kollegen erlebt habe, wäre in Deutschland undenkbar!» Mit ein Grund dafür, dass er für seine neue Filiale in Dolcedo am liebsten einen jungen deutschen Friseur oder eine Friseurin engagieren würde. «Die Italiener genügen oft meinen Ansprüchen nicht, sie sind einfach nicht so zuverlässig.»
Mit seinen deutschen Freunden in Gummersbach hält er regelmäßig Kontakt; sie besuchen ihn auch gern in Ligurien. «Mein ehemaliger Lehrling hat inzwischen sein eigenes Geschäft, und wir sind gute Freunde geworden.» Mit Deutschen habe er nie Probleme gehabt, «weder in guten noch in schlechten Zeiten.» Antonio Lesci lächelt sein charmantes Lächeln. «Es ist vielleicht komisch», sagt er, «aber ich fühle mich auch ein bisschen wie ein Deutscher …»
Nur mit der deutschen Küche hat er sich nie so richtig anfreunden können. «Zucker in der Salatsauce …», sagt er und schüttelt sich. Und doch: Auch beim Essen gibt es tatsächlich etwas typisch Deutsches, was er vermisst: «Die Frittenbuden – ab und zu mal eine Currywurst – lecker!»
Das Ehepaar Aldo Scorzoni (44) und Marina Giangrandi (49), die in Kürze einen Bed & Breakfast-Betrieb im Genueser Hinterland eröffnen werden und dabei vor allem auf deutschsprachige Gäste hoffen, denken bei dem Stichwort «Deutsche» in erster Linie an Touristen (er) und an die Geschichte (sie). Typische Charakterzüge sind für Marina die Kälte und für Aldo die Geradlinigkeit. Allerdings widerspricht er sich ein wenig, wenn er gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit der Nordlichter schätzt, während Marina als Tugend die Disziplin aufzählt. Einig sind sich beide, dass die Unflexibilität der Deutschen Probleme aufwerfen kann. Aber eigentlich kennen der Bootsdesigner und die Managerin in einer Genueser Schifffahrtsgesellschaft nur eine – sehr sympathische – deutsche Nachbarin in dem Bergdorf, wo ihr B&B entsteht.
Diese entspreche aber nicht unbedingt dem Klischee einer Deutschen, wohl weil sie seit 30 Jahren in Italien lebe und die Ehe mit einem Süditaliener zu einer generellen Italianisierung geführt habe.
Gloria Viarengo (58) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für römisches Recht an der Universität Genua. Mit Deutsch assoziiert sie spontan den Nazismus und die schöne, wenn auch schwierige Sprache. Gloria lernt seit mehreren Jahren Deutsch, sie braucht es, um für ihre wissenschaftliche Tätigkeit Texte im Original lesen zu können. Sie hat deutsche Freunde, mit denen sie gerne Filme in der Originalversion sieht. «Typisch deutsch» sind für die Dozentin vor allem Effizienz und Direktheit. Gloria schätzt die Geradlinigkeit, während übertriebener Stolz, der leicht zur Anmaßung wird, sie stört.
Danila Ceva (62) aus Imperia ist Marketingmanagerin im Tourismus und Besitzerin eines zauberhaften Ferienhauses in Costarainera, das sie vorwiegend an Deutsche vermietet. Sie kennt also ihre Pappenheimer mit deren Liebe zur Natur und Kultur, die – so Danila – «A sagen und auch A meinen».
Typisch deutsche Eigenschaften sind für Danila Zurückhaltung, Fleiß und Verantwortungssinn. Sie schätzt deutsche Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, aber die sprichwörtliche Unflexibilität hat ihr schon so manches Kopfzerbrechen im täglichen Umgang bereitet.
Lesen Sie hier, was der Bürgermeister von Nizza und Industrieminister Frankreichs, Christian Estrosi, und Eric Ciotti, Präsident des Conseil Général in den Alpes-Maritimes, im Gespräch mit der Riviera Côte d'Azur Zeitung über ihre deutschsprachigen Gäste zu sagen hatten.
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