29.11.2011 0

Wirtschaft: Wer in Frankreich im Job erfolgreich sein will, braucht kulturelles Gespür

In einem fremden Land

Ausgiebige Menüs und mächtige Betriebsräte: Wer in Frankreich Geschäfte machen will, muss erst die Business-Kultur der «grande nation» verstehen. Benimmkurse für auswandernde Mitarbeiter florieren.

Schon am zweiten Tag in seinem neuen Büro erhielt Hanno Klausmeier einen dringlichen Anruf. «Es gibt da ein dauerhaftes Problem», hieß es vom deutschen Manager am anderen Ende der Leitung. Klausmeier sollte sich bei seinem neuen Job in Frankreich hüten, den Betriebsrat zu unterschätzen. Er solle sich nicht unnötige Feinde machen. «Da habe ich begriffen: Wir sind zwar Nachbarn. Aber es gibt unendlich viele Dinge über die Kultur des anderen Landes zu lernen», sagt Klausmeier, Geschäftsführer des deutschen Software-Konzerns SAP im südfranzösischen Mougins. Vor vier Jahren zog der gebürtige Dortmunder von einer Filiale in Amerika in das häufig als südfranzösisches Silicon Valley bezeichnete Sophia-Antipolis, im Hinterland von Antibes. «Ohne kulturelles Gespür scheitert jeder Auslandseinsatz», sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Der Mann mit dem jungenhaften Gesicht, den lockeren Sprüchen und dem korrekten Anzug muss es wissen: Er hat schon in so unterschiedlichen Ländern wie Uruguay, England und Mexiko gearbeitet.

Benimmkurse für deutsche Mitarbeiter in französischen Filialen florieren. In Zukunft, so prophezeien es Trendforscher, werden Arbeitgeber europaweit nach den geeignetsten Mitarbeitern suchen. Engste Partner sind traditionell Deutschland und Frankreich. Laut der deutsch-französischen Industrie- und Handelskammer investieren deutsche Firmen rund 50 Milliarden Euro jährlich in Frankreich. Ein Geschäft mit Hindernissen. «Gerade weil die Kultur so ähnlich ist, werden die Unterschiede häufig unterschätzt», sagt Martina Meinhold, Chefin von Management Mobility in Paris. Bei ihrer Beratungsfirma buchen so unterschiedliche Kunden wie die Bank Sociéte Générale, der Mineralölkonzern Total und der Baustoff-Lieferant Lafarge Kurse, um ihre deutschen Mitarbeiter auf die Arbeit in Frankreich vorzubereiten.

«Franzosen und Deutsche stehen sich kulturell gar nicht so nah», sagt auch Alexandra Seidel-Lauer von der deutsch-französischen Handelskammer in Paris. «Beide Länder haben ihre kulturellen Eigenheiten bewahrt, was oft bei Geschäftsverhandlungen ignoriert wird.» Viele deutsche Firmen mussten beispielsweise ihre gesamte Jahresplanung revidieren, weil sie die französischen Ferienzeiten ignoriert hatten. Von Mitte Juli bis Mitte August schließen die Konzerne häufig komplett ihren Betrieb, Business-Restaurants pausieren, das gesamte öffentliche Leben erlahmt.

Während deutsche Angestellte davon ausgehen, über Neuerungen oder Pläne benachrichtigt zu werden, obliegt es in Frankreich den Mitarbeitern, sich zu informieren. Und das, so die zweite Crux, nicht auf offiziellem Wege. Seidel-Lauer rät den Deutschen, sich am Kaffeeautomaten aufzuhalten und im Aufzug zu plaudern, um auf den aktuellen Stand zu kommen. «Explizites Kommunizieren ist typisch deutsches Effizienzdenken», sagt sie. Absolutes Tabu: Zu schnell und unverblümt auf Geld und Verdienste zu sprechen kommen. Überhaupt ist die angemessene Sprache ein Schlüssel zum Erfolg im Nachbarland. Franzosen lieben den guten Ausdruck, ihre poetische Ader führt aber häufig zu Missverständnissen. Franzosen neigen dazu, alles ins Positive zu drehen. «Sie sagen nicht Nein zu einem Vorschlag, auch wenn sie das meinen», so Seidel-Lauer.

Wenn sich Franzosen in Rage reden, stehen sie ihrem Komikerstar Louis de Funès hingegen in nichts nach: «Manche Geschäftspartner sind rüpelhaft und aufbrausend, das habe ich in keinem Land so erlebt», sagt Globetrotter Klausmeier kopfschüttelnd. Aber auch da gilt es, gelassen zu bleiben: «Fünf Minuten später bieten sie dir wieder freundlich einen Kaffee an.»

Laut der Europamanagerin Meinhold läuft in Frankreich noch sehr viel mehr über persönliche Beziehungen. «Die große Mehrzahl der Aufträge wird an Freunde vergeben», sagt sie. Deshalb leite sie ihre Kunden an, sich ein großes Netz an Bekannten zu schaffen, in Vereine zu gehen, Feiern zu nutzen, um Visitenkarten zu verteilen, und auch beim Wohltätigkeits-Basar aufzutauchen.   

Annika Joeres

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