31.03.2010 0

Wirtschaft: Schwer zu verstehen - vieles wird im Süden teurer, manches billiger, doch die Kaufkraft hält nicht mit. Die RCZ hat die Entwicklung vor Ort verfolgt.

Starke Preise, schwache Kaufkraft: wieso?!

Überraschungen am laufenden Band: Die RCZ hat sich beim Vergleich der Preise im letzten Jahrzehnt nicht auf das Gefühl verlassen, sondern alte Rechnungen aus dem Archiv gekramt und die offiziellen Statistiken des französischen Instituts Insee zu Rate gezogen.

Croissant
Backwaren kosten heute in Südfrankreich deutlich mehr als vor der Euro-Einführung.

Die Preisspirale in Frankreich scheint gestoppt. Aber die niedrigste Inflationsrate seit 1987 kaschiert kaum die saftigen Preiserhöhungen zwischen 2000 und 2010. Zwar kostet ein Drahtlos-Telefon heute tatsächlich nur noch 25 Prozent des Betrags vom Jahr 2000, dafür blättert der Kunde für Lammkoteletts, Fisch oder selbst die Baguette ein Vielfaches des offiziellen Inflationsbetrags auf den Ladentisch. Außerdem zeigt sich der Staat als einer der wichtigsten Preistreiber.

Mit den Preisen ist es wie mit dem Wetter. Wenn in Südfrankreich der Nordwind weht, frösteln die Provenzalen, selbst wenn die Temperaturen noch im Plusbereich liegen. Es gibt ebenfalls einen himmelweiten Unterschied zwischen der tatsächlichen, auf nackte Zahlen gestützten Preisentwicklung, die zwischen 2000 und 2010 kumuliert bei knapp über 18 Prozent liegt, und der gefühlten Inflation. Denn tatsächlich gab es 2000 ein Sonderangebot für ein schnurloses Telefon für 199 Mark, also umgerechnet 101,75 Euro, bei der Deutschen Telekom. Anfang Januar 2010 kostet ein ähnlicher Apparat ohne Preisnachlass in einem Multimedia-Geschäft der Innenstadt von Aix-en-Provence gerade 25 Euro.

Heute ist es völlig normal, mal kurz den Geschäftspartner oder die Familie anzurufen, selbst wenn sie mit dem Handy unterwegs sind. Ein zehn Minuten langes Gespräch vom französischen Festnetz auf ein französisches Handy kostete 2000 noch 19,84 Francs, also rund 3 Euro. Das einst so teure Vergnügen kommt heute selbst ohne Rabatt nur noch auf 74 Centimes, selbst, wenn man 14 Minuten lang quatscht. Macht nach Adam Riese minus 75 Prozent.

Ebenfalls deutlich billiger sind heute auch ohne Spezialtarife Telefongespräche von Frankreich nach Deutschland. In den ersten Tagen des dritten Millenniums haben 19 Minuten Konversation zwischen Nizza und München noch knapp 20 Francs gekostet. Heute sind höchstens noch zwei Euro für dieselbe Leistung fällig, macht rund 33 Prozent Ersparnis. Doch vom Telefonieren wird niemand satt.

Zwar sind in den letzten zehn Jahren die Preise für Butter, Kaffee, Konfitüre oder Speckwürfel erstaunlich stabil geblieben, aber wer 2000 noch rund 12 Euro für ein Kilo Kabeljau-Filet bezahlt hat, weint heute an der Kasse.

Unter 17 Euro gibt es den Fisch nicht einmal mehr im Supermarkt, beim Fischhändler um die Ecke werden gut und gern 20 Euro fällig. Macht 65 Prozent Aufschlag.

Es ehrt einen Drei-Sterne-Koch wie Gérald Passédat in Marseille, wenn er den vom Aussterben bedrohten roten Thunfisch von seiner Karte genommen hat. Das Kilo der Spezialität, das zur aktuellen Sushi-Mode passt, ist heute fast doppelt so teuer wie vor zehn Jahren.

Wer deswegen auf Fleisch umsteigen will, ist ebenso bedient: Plus 41,6 Prozent für Lamm-Koteletts, plus 35,4 Prozent für Rinderfilet, das sind die offiziellen Zahlen des Instituts Insee – und keine Erfindung.

Obst und Gemüse

Vegetarier sind übrigens nicht besser dran. Wer 2000 noch 6,95 Francs (10 Francs entsprechen  1,52 Euro) fürs Kilo Tomaten bezahlte, wird heute glatt den doppelten Betrag los. Der Schuss Olivenöl dazu ist in den letzten drei Jahren wieder günstiger geworden. Deutlich über der Inflationsquote liegt die Preiserhöhung fürs Benzin – falls jemand aufs Land fahren möchte, um direkt beim Bauern ein Sonderangebot für Kartoffeln oder Zwiebeln wahrzunehmen.

Benzin

Aber plus 28,4 Prozent für den Liter Super im letzten Jahrzehnt sind kein großer Ausreißer im Konzert der schlechten Nachrichten. Klar, wir haben alle erlebt, wie die Preise im Spätsommer 2008 explodiert sind, und wenn Präsident Nicolas Sarkozy seine erst mal abgeschmetterte Öko-Steuer doch noch durchsetzt, wird schon 2010 die 1,50-Euro-Schmerzgrenze für den Sprit wieder sichtbar.

Der Staat als Preistreiber

Der Staat und seine Regiebetriebe zeichnen sich fast in jedem Bereich als Preistreiber aus. Die Post, die vor der Privatisierung steht, befindet sich gleich an erster Stelle: Die Marke für einen Brief von Cannes nach Deutschland kostet nicht mehr 2,80 Francs, sondern 70 Centimes. Hört sich nicht schlimm an, macht aber 63,9 Prozent Aufschlag.

Kommunikation

Kein Wunder, dass heute der Löwenanteil der Post über E-Mail läuft. Im Gegensatz zu früher kostet ein Computer mit zehnmal mehr Leistung nur noch die Hälfte.

Und weil im letzten Jahrzehnt die digitale Revolution die Fotografie erreicht hat, sind die Kosten für Fotoarbeiten auf einen Bruchteil von früher gesunken.  

Autobahngebühren

Das ehemals staatliche Autobahnnetz greift auch unter privater Leitung kräftig in die Taschen der Autofahrer. Man wolle nur die Inflationskosten berechnen, heißt es mit schöner Regelmäßigkeit, wenn wie jetzt im Februar die Preise wieder erhöht werden. Doch wenn das Ticket für die Strecke zwischen Aix und Aubagne statt 14,50 Francs jetzt 3,50 Euro kostet, bedeutet das über 50 Prozent Aufschlag.

Steuern

Weit über der offiziellen Inflationsrate liegen die Beiträge, die Kommunen, Departements und Regionen heute verlangen. Die Grundsteuer für eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Zentrum von Aix kostet statt 1522 Francs im Jahr 2000 heute 380 Euro, macht 63 Prozent mehr.

Selbst die Wohnsteuer (taxe d’habitation) ist um fast 30 Prozent gestiegen. Experten wie die Wirtschaftszeitung L’Expansion sind sich einig, dass die Städte und Gemeinden ihre Steuern schon 2010 kräftig, nach ersten Schätzungen um rund 6 Prozent erhöhen. Die Wahlen sind vorbei und der Staat hat die Gewerbesteuer (taxe professionelle) abgeschafft, ohne genau zu sagen, woher das Geld in den Gemeindekassen künftig kommen wird.

Immobilien

Trotz der Krise, die Immobilienmakler seit Herbst 2008 spüren, sind die Preise fürs Eigenheim in den letzten zehn Jahren regelrecht explodiert: Plus 155 Prozent für die eigenen vier Wände, das schlägt immer noch alle Rekorde. In Paris oder an der Côte d’Azur haben sich die Preise seit 2000 zum Teil verdreifacht.

Hotels, Wein und dolce vita

Wer deswegen gleich ins Hotel ziehen will, muss aufpassen: Trotz Mehrwertsteuerermäßigung liegen die Preise heute weit über der Inflationsrate. Also daheim bleiben und mit einem guten Schluck Wein den Ärger hinunterspülen? Pustekuchen: Gab es 2000 noch das Zehn-Liter-Gebinde mit einem Qualitätswein aus der Provence für 135 Francs, sind heute mindestens 23 Euro fällig, und selbst im Supermarkt gibt es keine Flasche mehr unter 3 Euro. Das waren mal 20 Francs und die wurden vor zehn Jahren nur für einen ausgesprochen guten Tropfen verlangt.

Also Ablenkung suchen: Aber Museen und Vergnügungstempel haben ebenfalls aufgeschlagen. Der Eintritt für Kinder im Marineland von Antibes ist von 74 Francs im Jahr 2000 auf 27 Euro gestiegen. Glatt das Doppelte also. Gnädiger macht es das Ozeanografische Museum von Monaco, das Erwachsenen 13 Euro Eintritt statt 60 Francs vor zehn Jahren abknöpft.

Gehälter

Es bleibt also immer weniger Geld in der Tasche, nicht nur Gewerkschaften klagen über Kaufkraftverlust. Eine Ausnahme bilden Ministergehälter, die sich seit 2000 mehr als verdoppelt haben, oder der staatliche Mindestlohn (Smic), der immerhin um über 30 Prozent gestiegen ist. Die Honorare des Autors bei seinem Hauptarbeitgeber in Deutschland sind seit 2000 um rund 9 Prozent gestiegen, also nur halb so viel wie die Inflationsrate.

Sparkonto

Aber es gibt einen Trost, wenn das Geld immer schneller aus dem Portemonnaie verschwindet. Auf dem Sparkonto bringt das Ersparte nämlich auch fast nichts mehr. Zahlte die Bank 2000 noch drei Prozent und erhöhte die Zinsen 2008 sogar auf vier Prozent, gibt es heute beim «livret A», dem französischen Klassiker, gerade noch 1,25 Prozent. Das, immerhin, liegt ausnahmsweise sogar höher als die Inflationsrate, die 2009 unter ein Prozent gesunken ist.    

Peter Bausch

 

Und Italien? 

Die Kaufkraft in Italien ist von Oktober 2008 bis September 2009 laut dem staatlichen Institut ISTAT um 1,6 Prozent gefallen. Durchschnittlich bedeutet das pro Familie etwa 500 Euro. In der europäischen Gehalts-Tabelle steht Italien an 14. Stelle, weit hinter Deutschland und gleich hinter Frankreich.

Wer vor der Einführung des Euro eine Million Lire in der Lohntüte hatte, bekommt heute in vielen Fällen 1000 Euro. Also Erhöhung gleich Null. Auch viele Preise wurden fast eins zu eins angehoben: So kostete ein Liter Benzin 2000 umgerechnet 0,80 Euro, heute sind es durchschnittlich 1,52 Euro. Spaghetti allerdings wurden «nur» um 37 Prozent teurer.

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