28.01.2010 0
Provence & Côte d'Azur: Vor 150 Jahren kehrte Nizza nach fast einem halben Jahrtausend italienischer Zugehörigkeit zurück nach Frankreich
Nizza feiert Jubiläum
Nach dem Willen von Bürgermeister Christian Estrosi soll das 150. Jubiläum des Anschlusses (rattachement) das ganze Jahr über so intensiv gefeiert werden, dass im städtischen Terminkalender nicht einmal mehr Platz war für die geplante große Ausstellung zu Ehren der Schauspielerin Brigitte Bardot (75), als "Marianne" immerhin erste lebende Symbolfigur des Staates. "Es soll ein Fest des Bürgersinns und der Bürgernähe werden", kündigte Estrosi an und rief sinnigerweise 150 entsprechende Einzelprojekte aus. Alle 350 000 Einwohner sollen die Ärmel hochkrempeln. Sie sollen Kontakt mit ungekannten Nachbarn aufnehmen, ihre Stadtteile gemeinsam liebevoll verschönern als seien es noch die Dörfer von einst. Darüber hinaus sollen sie soziale Netzwerke zugunsten benachteiligter Mitbürger knüpfen und zu nachhaltigem Umweltschutz beitragen . Die offiziellen Feierlichkeiten werden im Juni mit einem Reigen von Kultur- und Sportveranstaltungen ihren Höhepunkt finden. Touristen aus aller Welt werden erwartet.
Was als "Plebiszit" gefeiert wird, hat indes in Wirklichkeit einen weniger demokratischen Hintergrund. Vielmehr war Nizza der Preis für die Verwirklichung von Giuseppe Garibaldis italienischem Einheitstraum. Die Abtretung der gleichnamigen Grafschaft war der Dank für die französische Unterstützung im Kampf gegen Österreich. Die Volksabsstimmung von 1860 war lediglich pro forma inszeniert worden. Zwar stimmte die überwältigende Mehrheit für den Anschluss an Frankreich. Historiker glauben jedoch, bei dem Urnengang sei nicht alle mit rechten Dingen zugegangen.
Wie auch immer: Die Angliederung brachte der Stadt an der Engelsbucht, in der auch heute noch die meisten Menschen italienische Namen tragen, einen unverhofften wirtschaftlichen Boom. Bald entwickelte sich Nizza zur ersten modernen europäischen Touristenmetropole. Heute besitzt die von komfortablen Straßenbahnen erschlossene Hauptstadt der Côte d´Azur die (nach Paris) meisten Museen der Nation. Noch immer üben die breiten Boulevards, die Promenade des Anglais und der weitläufige Kiesstrand am Mittelmeer, besonders aber die verträumte Alstadt starke Anziehungskraft aus. Das Quartier um die Avenue Jean Médecin hat sich in den letzten Jahren zu einer mondänen Shoppingmeile gemausert. Während des berühmten "Carnaval de Nice" – dieses Jahr vom 12. Bis 28. Februar – dürfte es wieder schwierig werden, ein Hotelbett zu bekommen.
Die Liste der prominenten Einwohner von Nizza will schier nicht enden. Darunter seit je viele Deutsche. Die Rede ist hier nicht von Filmstars. Nietsche, der hier Ende des 19. Jahrhunderts fünf Winter verbrachte, soll seinem Ziel, die Welt zu verändern, in Nizza am nächsten gekommen sein. Nach dem Philosophen ist ein Bergpfad hinauf nach Éze benannt. Während des Hitlerregimes lebten in Nizza zahlreiche deutsche und österreichische Emigranten - unter ihnen Heinrich Mann, Joseph Roth und Hermann Kesten. Auch Flüchtlinge aus vielen anderen Ländern – Armenier, Russen, viele Juden haben hier Zuflucht gesucht und gefunden. Und sie haben Spuren hinterlassen. Ein Spaziergang über die geheimnisvollen internationalen Friedhöfe von Nizza ist eine Herausforderung für Entdecker.
Rolf Liffers
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