21.01.2010 0
Themen: Ein Prosit auf den deutsch-französischen Friedensvertrag
Dieser Motor darf mal stottern
Neben den zahlreichen kulturellen Diskrepanzen – Essgewohnheiten, Verhalten im Straßenverkehr, Umgangsformen und vielem mehr – unterscheidet sich auch der politische Franzose von seinem deutschen Nachbarn. Während westlich des Rheins aus starkem Nationalbewusstsein ein gewisser globaler Machtanspruch hervorgeht, tut man sich jenseits des anderen Flussufers – der Geschichte wegen – immer noch schwer, Flagge zu zeigen.
Die einen leben in einer Art Wahlmonarchie, die anderen misstrauen nahezu jeder Art von Zentralismus und fühlen sich in ihrem föderalen System wohl. Anders als die Deutschen haben Franzosen mehrheitlich keine Angst vor Atomenergie, zeigen sich selbst von Zwischenfällen relativ unbeeindruckt und wollen die Kernkraft zum festen Bestandteil gemeinsamer europäischer Energiepolitik machen. Die Differenzen ließen sich nicht zuletzt anhand beider Bildungs- und Sozialsysteme unendlich ausführen.
Und dann sind da ja auch noch die Staatschefs Nicolas Sarkozy und Angela Merkel: Der französische Lebemann, impulsiv, risikofreudig und mit dem Hang zum Alleingang, ist das komplette Gegenstück zu der deutschen Physikerin, die stets nüchtern und vorsichtig agiert. Er trat als Bürgermeister von Neuilly-sur-Seine mit der spektakulären Beendigung einer Geiselnahme ins Licht der Öffentlichkeit, sie war nach der Wende irgendwie immer da und rückte nur peu à peu ins Zentrum des politischen Interesses.
Doch so gegensätzlich ihr Stil, so zahlreich ihre Differenzen auch sein mögen, was beide Nationen und das Doppel Sarkozy-Merkel eint, ist die gemeinsame Berufung, Frieden und Freiheit in Europa zu wahren, nachdem die Nachbarn spätestens seit der napoleonischen Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts zu Erbfeinden wurden und sich als solche während dreier großer Kriege erbitterte Kämpfe lieferten.
Erst vor dem Hintergrund der gemeinsamen blutigen Geschichte wird die Besonderheit des heutigen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich deutlich. Für Erbfeindschaft ist kein Platz mehr, Konkurrenz und unterschiedliche Interessen werden toleriert, für die Zukunft Europas rauft man sich zusammen. Dafür legten Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und der deutsche Kanzler Konrad Adenauer mit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags am 22. Januar 1963 den Grundstein.
Damals stand die gegenseitige Versöhnung noch im Vordergrund der Zusammenarbeit, heute ist es der Aufbau einer europäischen Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Es stellt sich schon längst nicht mehr die Frage, ob Deutschland und Frankreich zusammenarbeiten, sondern wie sie gesamteuropäische Probleme angehen.
Ein idealer Zeitpunkt für die Bekanntgabe neuer Lösungsansätze oder Projekte – zum Beispiel einer Partnerschaft von Deutscher Bahn und französischer SNCF – wäre da doch der siebte deutsch-französische Tag am morgigen 22. Januar. Auch wenn zum 47. Jubiläum des Elysée-Vertrags nicht die politischen Entscheidungsträger von heute, sondern die von morgen im Zentrum des Interesses stehen.
Unter dem Motto «Bringt Französisch ins Spiel – Mettez l’Allemand dans votre jeu!» soll die deutsch-französische Freundschaft nämlich vor allem durch Jugend- und Kulturaustausch im Herzen der Gesellschaft verankert werden. Ziel ist es, junge Menschen beiderseits des Rheins einander näher zu bringen und den Erwerb der Partnersprache zu fördern. Auf diese Weise sollen sie ein Verständnis für die Einzigartigkeit des deutsch-französischen Tandems erhalten und begreifen, dass die Kooperation beider Länder für das Funktionieren der Europäischen Union von großer Relevanz ist.
Und sollte es in Zukunft mal wieder politische Missstimmungen geben, weil Kanzlerin Merkel beispielsweise dem Drängen von Sarkozy auf einen deutsch-französischen Minister nicht nachgibt, dann haben wir ja noch kulturelle Beziehungen, die ein völliges Verhärten der Fronten verhindern sollen. Na dann, auf gute Nachbarschaft!
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